1990: Leben am Prenzlauer Berg

Cover "Leben am Prenzlauer Berg"

Cover „Leben am Prenzlauer Berg“

Es war der Ost-Berliner Stadtbezirk der Oppositionellen, der Künstlerinnen und Künstler, der Szene-Bezirk schlechthin. Im Herbst 1989 traten hier fast jeden Abend 3000 Berlinerinnen und Berliner, die aus der Gethsemanekirche kamen,  friedlich den Polizeiketten entgegen. Als die Wende Wirklichkeit wurde,  waren die Emotionen genauso stark wie die Umbrüche.  Eine Momentaufnahme der Wendezeit ist der von Bodo Rollka und Volker Spiess 1990 herausgegebene Band „Leben am Prenzlauer Berg“. Schneller als gedacht hat sich der Prenzlauer Berg verändert.

Es ist die Zeit, als noch kleine Zettel mit Botschaften an den Briefkästen kleben, weil es kaum private Telefone gibt. Hinter den Toreingängen liegen triste Hinterhöfe.  Kleine Schwarzweiß-Fotos im Text zeigen Hinterhofidyllen in der Oderberger Straße oder die Freilichtbühne im Garten des Prater, ein gesonderter Bildteil  zum Ende des Bandes stellt die Menschen vor, die hier leben.  Neue Konflikte sind entstanden, es gibt besetzte Häuser, aber auch Sorgen um den Fortbestand kommunaler Einrichtungen. Es entsteht viel Neues, Projekte, Galerien, Cafés. Ein  Frauenzentrum in der Prenzlauer Allee 6, der Erste Weiblich Aufbrauch, wird aufgebaut. Und es gibt Beständiges, wie die Geschichte über den Imbiss von Konnopke erzählt.

In der DDR-Zeit führte die Protokollstrecke der Regierenden und ihrer Staatsgästenach Pankow  auch durch den Prenzlauer Berg, für die dunkelblauen Staatslimousinen stoppten die Straßenbahnen.  Und abends fuhren die SED-Funktionäre über die Greifswalder Straße nach Wandlitz, ihrer Feierabendsiedlung.

Ein wenig Geschichtliches bietet der Band, die Kirchen, der Wasserturm, die Friedhöfe haben ihre eigenen Geschichten. Vor dem Schönhauser Tor, dem späteren Rosa-Luxemburg-Platz, liegt der Jüdische Friedhof, hier wurden der Hofkapellmeister Giacomo Meyerbeer begraben und der Großvater von Rosa Luxemburg, Abraham Luxemburg.

Es sind sehr unterschiedliche Impressionen, die hier ein Bild vom Leben am Prenzlauer Berg liefern.  1990 waren die Sanierungen und Modernisierungen, die die Wohnungen so attraktiv wie teuer gemacht haben, noch unvorstellbar. Ebenso wenig, dass junge Familien für einen Boom bei den Geburten sorgen würden. Oder dass sich hier einmal Schwäbisch als Dialekt durchsetzen würde.  So ist der kleine Band heute ein Zeitdokument der besonderen Art, in vielem überholt, aber spannend zu lesen. Eine schöne Erinnerung.

Bodo Rollka, Volker Spiess (Hrsg.), Leben am Prenzlauer Berg, Haude & Spener, Berlinische Reminiszenzen 61, 1990, 120 S., ISBN-13: 9783775903332. Antiquarisch erhältlich

Über Ulrich Horb

Jahrgang 1955, Journalist und Fotograf in Berlin
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