Hekdesch für alle

Seit 1914 ist das Jüdische Krankenhaus im Berliner Wedding eine feste Institution, heute werden dort Kranke unterschiedlicher Konfessionen und Kulturen medizinisch versorgt. Zum 250jährigen Bestehen des Jüdischen Krankenhauses entstand eine große Ausstellung, im Verlag für Berlin-Brandenburg erschien dazu 2007 ein umfangreicher und reich illustrierter Katalog.

Die Geschichte der jüdischen Krankenpflege reicht einige  Jahrhunderte zurück. Studierende der Universität Potsdam nahmen  das 250-jährige Jubiläum des Jüdischen Krankenhauses im Wintersemester 2005  zum  Anlass, sich intensiver mit dessen Geschichte zu befassen.   Dabei stellt die entstandene Ausstellung die Krankenversorgung in den Kontext des jüdischen Lebens in Berlin, das von Phasen der Anfeindungen und Drangsalierungen ebenso geprägt ist wie von Achtung und Anerkennung.  Es gab Einschränkungen beim Zuzug von Juden, Einschränkungen beim Handel, einigen werden aber auch vererbbare Privilegien gewährt.

1685 erhält Brandenburg-Preußen eine Medizinalordnung, die u.a. die Ausbildung des medizinischen Personals regelt.   Im „Hekdesch“,  hebräisch für „Heilige Stiftung“,   in der Schmalen Gasse zwischen Kloster- und Rosenstraße versorgt die Jüdische Gemeinde  ab 1703 Arme und Kranke.

Mit der Aufklärung, die Ende des 18. Jahrhunderts die jüdische Gesellschaft erreicht, zieht ein neuer Geist in Berlin ein. Moses Mendelssohn, der die Tora ins Deutsche übersetzt und für das Erlernen der  deutschen Sprache wirbt, verbindet Vernunft und Glauben. Es ist die Zeit der wissenschaftlichen und literarischen Salons. 1753 wird ein Gelände an der Oranienburger Straße 7/8 erworben, drei Jahre später wird dort das Krankenhaus der Jüdischen Gemeinde eröffnet, zwölf Kranke können anfangs versorgt werden. Benjamin de Lemos und sein Nachfolger und Schwiegersohn Marcus Herz leiten die Einrichtung und versorgen Kranke bei Hausbesuchen. 1796 kann das Krankenhaus schon 350 bis 400 Kranke aufnehmen, die aus allen sozialen Schichten kommen, die Pflege wird als „ungemein gut“ gewürdigt. Allerdings kann die jüdische Gemeinde das nötige Geld dafür nicht lange aufbringen, erst ein Spendenaufruf, mit dessen Hilfe ein Fonds geschaffen wird, hilft.

Im 19. Jahrhundert sind Berlins Juden den christlichen Bürgern gleichgestellt, vielfach entwickeln sie starken Patriotismus. In der Auguststraße wird 1861 ein Krankenhausneubau eingeweiht, entstanden ist eine von Europas modernsten medizinischen Einrichtungen. Bismarck schafft unter dem Druck der erstarkenden Arbeiterbewegung eine Sozialversicherung, die auch ärztliche Leistungen einschließt.

Das Krankenhaus zieht 1914 in den Wedding, in der Auguststraße verbleibt eine Poliklinik. In einer Zeit, in der Antisemitismus wieder hoffähig gemacht wird, melden sich viele Mitglieder der Jüdischen Gemeinde freiwillig zum Wehrdienst, auch das Personal des Krankenhauses folgt den Aufrufen. Der Arzt James Israel, Leiter der Chirurgie am Jüdischen Krankenhaus und Begründer der Nierenchirurgie, entwirft einen Lazarettzug für die Front.

Mit der Machtübernahme der Nazis werden jüdische Ärzte aus dem öffentlichen Dienst verbannt, sie werden schikaniert, verhaftet. Am Jüdischen Krankenhaus sammeln sich hochqualifizierte Mediziner, die aus anderen Einrichtungen herausgedrängt werden. Jüdische Patienten werden anderswo kaum noch behandelt, jüdische Ärzte verlieren die Zulassung.  Wer kann, flieht vor dem wachsenden Terror. Das Jüdische Krankenhaus arbeitet als einzige jüdische Einrichtung unter schwierigsten Bedingungen weiter, es dient den Nazis als Sammellager. Im April 1945 freuen sich 800 Überlebende über die Befreiung. Der Apotheker Erich Zwilsky übernimmt im Mai 1945 die Leitung des Hauses, im April 1946 arbeiten wieder zwölf Ärzte. Auch die Jüdische Gemeinde nimmt von hier aus ihre Arbeit wieder auf. Die schwierige finanzielle Situation der Gemeinde machte es notwendig, das Krankenhaus Anfang der sechziger Jahre mit Unterstützung des Berliner Senats  in eine Stiftung zu überführen.

Der Band ist eine spannende Sammlung von Dokumenten, Zeitzeugnissen, Beschreibungen und Illustrationen.  Am Beispiel  des Krankenhauses  erzählt er auch viel über die  jüdische Tradition und Kultur in Berlin.

Vom Hekdesch zum Hightech – 250 Jahre Jüdisches Krankenhaus im Spiegel der Geschichte der Juden in Berlin, Katalog zur gleichnamigen Ausstellung, Verlag für Berlin-Brandenburg 2007, 204 S.,   ISBN 9-783-86650-350-2 (deutsche Ausgabe); 14,80 Euro

Über Ulrich Horb

Jahrgang 1955, Journalist und Fotograf in Berlin
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