Leben in Trümmern: Alltag in Berlin 1945

Cover "Leben in Trümmern"

Cover „Leben in Trümmern“

Es gibt nicht die „eine“ Erinnerung  an das Kriegsende 1945, an das Ende der Nazi-Diktatur und die Befreiung.  Das macht das Buch „Leben in Trümmern“ deutlich, das auf Basis einiger vorhandener schriftlicher Erinnerungen, vor allem aber vieler von der Autorin geführter Interviews  das Leben im Jahr 1945 in Berlin beschreibt. Und es zeigt sich: Es geht nicht nur um das Leben inmitten von Trümmern, auch das Leben vieler Berlinerinnen und Berliner selbst liegt in Trümmern.

Traudl Kupfer reiht in ihrem Buch kurze Momentaufnahmen aneinander, entstanden an unterschiedlichen Orten, nach Monaten geordnet, nicht immer ganz chronologisch. Mal ist es der Blick einer jungen Frau, mal der eines Zwangsarbeiters oder eines Untergetauchten, mal die Sicht  eines Widerstandskämpfers, mal die eines nazitreuen Staatsbediensteten oder Soldaten.

Berichtet wird auch aus den biographischen Erinnerungen des Schauspielers Günter Lamprecht, aus Margret Boveris Augenzeugenbericht „Tage des Überlebens“ oder den Tagebüchern von Hans-Georg von Studnitz, der zuletzt in der Presseabteilung des NS-Außenministeriums  gearbeitet hatte.

Lange hat es gedauert, bis sich Zeitzeugen mit ihren Erlebnissen zu Wort meldeten oder auch nur bereit waren, darüber zu sprechen – zu groß waren Scham, Verdrängung oder politische Rücksichtnahme.  Siebzig Jahre danach  scheint  das Mosaik der Erinnerungen  immer noch löchrig.

Vertreibung und Vernichtung hatten in den   Jahren vor 1945 andere Völker getroffen, SS und – wie man inzwischen weiß – auch die Wehrmacht waren an der Ermordung von unzähligen Zivilisten beteiligt. 1945 zog der Krieg nun in Berlin ein, einer Stadt voller Ruinen, Ergebnis der ständigen Bombenangriffe, zum Schluss zweimal am Tag. Nicht jeder darf in die Luftschutzkeller, nicht immer halten die Schutzräume den Angriffen stand. Dann hören die Luftangriffe auf, die russischen Truppen, die schon am Stadtrand stehen, sollen nicht mehr gefährdet werden.

Es herrschen Willkür und Gewalt. Noch in den Stunden des Einmarschs der russischen Armee werden  von den Nazis mutmaßliche Deserteure erhängt. Es ist Kampf um das Überleben, um Wasser, Brot, ein wenig Suppe.  Für die wenigen Lebensmittelmarken ist kaum noch etwas zu bekommen. Dann sind die russischen Soldaten in der Stadt, es kommt zu Vergewaltigungen, Plünderungen, Ausquartierungen. Auch die, die unter der Nazi-Verfolgung litten, sind vor neuer Willkür nicht verschont. Aber es gibt auch andere Begegnungen, etwa die mit musikliebenden russischen Offizieren, mit den Soldaten, die Mitleid zeigen. Tagelang gibt es kein Wasser, keinen Strom, Zigtausende Flüchtlinge kommen in die Stadt. Wer das Chaos überlebt, ist dankbar. Wohnungen, die nicht durch Bomben zerstört wurden, werden von Angehörigen der alliierte Streitkräfte beschlagnahmt. Auf dem Schwarzmarkt geht selbst eine Dose Hundefutter für 60 Mark weg.

Die persönlichen Erlebnisse und Schilderungen – zusätzlich mit einer kurzen Zusammenfassung der Ereignisse des jeweiligen Monats versehen, bieten einen bewegenden Zugang zu den Ereignissen.

Dennoch bleiben Fragen offen. Viele der Erinnerungen sind zum Teil Jahre nach den Ereignissen aufgeschrieben worden.  Wie haben die späteren Erfahrungen der Nachkriegszeit die Erinnerungen beeinflusst? Was hat sich eingeprägt, was ist verdrängt? Und angesichts der Auswahl derer, die im Buch zu Wort kommen, bleibt auch die Frage: Wo sind 1945 eigentlich die ganzen Nazis geblieben?

Traudl Kupfer: Leben in Trümmern: Alltag in Berlin 1945, gebundene Ausgabe, März 2015, 256 Seiten; Elsengold Verlag,  ISBN-13: 978-3944594279             

Über Ulrich Horb

Jahrgang 1955, Journalist und Fotograf in Berlin
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