Tausend Fotos über das „Leben in Ost-Berlin“

Cover "Leben in Ost-Berlin", Elsengold Verlag

Cover „Leben in Ost-Berlin“, Elsengold Verlag

Es ist ein gewichtiges Buch. Gut 3,4 Kilo bringt es auf die Waage. Kein Wunder, es enthält ein ganzes Leben – das „Leben in Ost-Berlin“.
Die mehr als tausend Abbildungen spiegeln 45 Jahre Geschichte in der östlichen der beiden Berliner Stadthälften wider, facettenreich und mit kurzen, pointierten Kommentaren von Jens Kegel zu acht thematischen Kapiteln vereint. Die Aufnahmen stammen aus dem Fundus der picture alliance, der Bildagentur der Nachrichtenagentur dpa, die mit zahlreichen weiteren Partneragenturen zusammenarbeitet, darunter akg-images, ein Archiv für Kunst und Geschichte, das etliche Bilder beisteuerte.

Aber dpa hatte 1991 auch Zentralbild übernommen, die Bildagentur der staatlichen DDR-Nachrichtenagentur ADN, die zentral und konkurrenzlos alle DDR-Zeitungen und Zeitschriften belieferte. Ein Großteil der Aufnahmen im Bildband stammt von ihren Fotografen. Deren Aufgabe beschrieb Walter Heilig, Bereichsleiter ADN-Zentralbild im Jahr 1959: „Auch der Bildreporter muss seine Arbeit als Funktionär der Partei betrachten.“

Was also ist Alltag, was Inszenierung des Lebens in Ost-Berlin? Und wie viel Leben blieb unfotografiert, weil es nicht in die Bildsprache der DDR-Medien passte? Was davon gleichen andere Quellen aus? Diese Fragen müssen sich die Betrachterin und der Betrachter beim Blättern durch das opulente Werk selbst beantworten. Denn in dieser Frage bieten auch die Einführungsexte, die sachlich und informativ die Entwicklung der DDR in den verschiedenen Bereichen beschreiben, keine weiteren Hinweise. Eher knapp gehalten sind zudem die Bildunterschriften, sie geben kaum mehr als Ort und Jahr preis. So ist der Band vor allem ein großes Fotoalbum zum Schauen, Staunen und Erinnern.

Er zeigt die Ruinen, aus denen die Stadt aufersteht, die im Ostteil nicht anders aussehen als im Westen, er zeigt die Trümmerfrauen, die mühevolle Instandsetzung von Häusern, von zerbombten Schienensträngen. Vor übrig gebliebenen Fassaden spielen Kinder, Plakate und Transparente mit Appellen und Aufrufen ziehen ins östliche Stadtbild ein, die Bilder zeigen zupackende Menschen, den Verkauf von Strohschuhen, Massenaufmärsche.

Und während die Bilder farbiger werden, werden die Inhalte schwarz-weiß. Der Wettkampf der Systeme nimmt Fahrt auf, Ost-Berlin muss der anderen Halbstadt, dem „Schaufenster des Westens“, etwas entgegensetzen.

Ein Kapitel widmet sich dem Konsum. Neben die Reportagefotografie, die die ersten Jahre dokumentiert, tritt die Inszenierung, die Modefotografie, die Präsentation von Waren, selbst wenn es sie manchmal gar nicht zu kaufen gibt. Aber auch beschlagnahmte Schieberwaren, der Andrang auf eine HO-Verkaufsmesse, der Laden mit den Fernsehgeräten in der Schönhauser – all das wird von den Fotografen eingefangen. Neuer Wohnraum entsteht, passend werden davor Kinderwagen geschoben, der Zukunft zugewandt.

Dem Thema Bauen und Wohnen ist ein eigenes Kapitel gewidmet. Junge Pärchen stoßen auf dem Neubau-Balkon miteinander an, die DDR-Fahne außen angehängt. Der Blick in eine Wohnung zeigt Frauen vor dem Fernsehapparat. Die Altbauten werden mühevoll saniert. Dazwischen ein Bild von einer gemeinsamen Weihnachtsfeier von Ost- und West-Berliner Familienmitgliedern – das nun allerdings nicht aus dem Bestand von Zentralbild. Ein Blick in eine Wohnung zeigt die Einrichtung der siebziger Jahre, Wohnzimmer, Kinderzimmer, Küche, die Mutter beim Abwasch. Eine Seite weiter: die Frau als Handwerkerin beim Streichen der Fenster, konzentriert, mit Kittelschürze. Bauen und Wohnen ist aber auch eine Geschichte der Sprengungen und des Abrisses und der Montage von Betonplatten. Während in Marzahn auf die Übergabe von Wohnungen angestoßen wird, rückt im Prenzlauer Berg der Zerfall ins Bild. Eingefangen erst nach der Wende 1990.

Erziehung und Ausbildung ist ein weiteres der acht Themenkapitel gewidmet. Es zeigt vor allem Gruppenfotos, Pioniere bei der Zeugnisausgabe, Kinder beim Hissen der Fahne, Schüler mit dem Karren bei der Altstoffsammlung, Jugendliche bei der NVA-Ausbildung, die allseitige sozialistische Persönlichkeit bildend. Manche Bilder zeigen nicht nur ein Stück DDR, sie waren auch nur in der DDR möglich. Die Aufnahmen des Kapitels „Aufmärsche und offizielle Feiern“ etwa. Auch wenn das Transparent gegen den Vietnamkrieg in der anderen Stadthälfte hätte hochgehalten werden können – hier sieht es einfach ordentlicher aus.

Die vielen oft großformatigen Bilder laden den Betrachter zum Verweilen ein, zum Beobachten der Szene oder der Gesichtsausdrücke. Es sind zum Teil wundervoll eingefangene Momente, wenn etwa die Anspannung im Gesicht eines kleinen Jungen sichtbar wird, der gleich ins Wasser springt, wenn Straßenszenen die Bewohnerinnen im Gespräch zeigen. Hoffnungen und Träume spiegeln sich in vielen Gesichtern. Und da gleichen die Aufnahmen sicher in vielem denen, die ein paar Kilometer weiter in der anderen Stadthälfte entstanden. Es sind Äußerlichkeiten, die die Zuordnung möglich machen.

Der Berliner Verlag „Elsengold“, zu dessen ersten Produktionen „Leben in Ost-Berlin“ gehört, hat jedenfalls einen imposanten Fotoband vorgelegt, der vielfältige Einblicke bietet, dabei in der Masse aber häufig das offizielle Bild und den gewünschten Eindruck zeigt, weniger die Nischen, die sich entwickelnde Protestszene. Ihnen ist – zusammen mit Aufnahmen der Mauer – ein vergleichsweise kleines Kapitel gewidmet.

Aber der Band macht Lust auf mehr. Und das will der Startup-Verlag, der Anfang des Jahres von Verleger Dirk Palm gegründet wurde, liefern. Sein Programmschwerpunkt soll auf illustrierten Sachbüchern über Berlin liegen. „Der Verlag möchte Berlinern, Berlin-Liebhabern und Touristen Leben, Alltag und Geschichte der deutschen Hauptstadt in Bild und Text vermitteln“, kündigte der Verleger an. Einen weiteren Schwerpunkt bilden Frauenporträts. Der Name des Verlags lehnt sich an den Spitznamen der Berliner Siegessäule („Goldelse“) an. Neben dem jetzt erschienenen Fotoband „Leben in Ost-Berlin“ sind zwei weitere Titel erschienen, für 2014 sind zehn Neuerscheinungen geplant.

Jens Kegel, Leben in Ost-Berlin – Alltag in Bildern, 1945-1990, Verlag Elsengold, ca. 480 Seiten, 24,3 x 33,7 cm, rund 1000 Abbildungen, Hardcover im Schuber, ISBN 978-3-944594-00-2, 49,95 EUR

Über Ulrich Horb

Jahrgang 1955, Journalist und Fotograf in Berlin
Dieser Beitrag wurde unter Berlin-Bildband abgelegt und mit , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.