1945 ist Berlin befreit. Es ist eine weitgehend zerstörte Stadt und das bleibt sie auch noch etliche Jahre lang. Ab 1949 hat der Fotograf Herwarth Staudt mit seiner Frau Ruth die Ruinenlandschaft in Schöneberg im Bild festgehalten. Ein von Gudrun Blankenburg und Irene von Götz 2015 herausgegebener Bildband zeigt seine Arbeiten.
Schöneberg hatte durch die Kriegsschäden rund 35.000 Wohnungen verloren, die Straßen und Grundstücke lagen voll Schutt. 60 Prozent der Gebäude waren vernichtet, viele einsturzgefährdet. Staudt blickte mit seiner Rolleiflex-Kamera in die Ruinen, zwischen denen sich die Menschen wieder einrichteten.
Das Schöneberger Baulenkungsamt hatte Staudt beauftragt, hunderte von Ruinen und Trümmergrundstücken zu dokumentieren. Zwischen 1949 und 1957 entstanden tausende von Aufnahmen, die straßenweise den Zustand des Bezirks zeigten.
Die Berliner Bezirke hatten Ende der vierziger Jahre die Aufgabe, systematisch die geräumten Grundstücke und die zerstörten Häuser erfassen, Eigentümer mussten die Schäden an ihren Häusern dokumentieren. Um eine Beurteilung in den Ämtern zu ermöglichen, sollte der Zustand fotografisch erfasst werden. Als freier Fotograf bewarb sich Staudt für diese Aufgabe, ab Februar 1949 schickte ihn das Bezirksamt zu den jeweiligen Grundstücken. Daraus wurde eine systematische Erfassung der Straßenzüge in Schöneberg, mit genauen Notizen festgehalten in Staudts Arbeitsbüchern. Übersichtsaufnahmen hielten auch den Zustand von Straßen und Plätzen fest.
Seine Negative bot Staudt 1988 dem Schöneberger Museum zum Kauf an, das damit einen einmaligen Schatz für seine Fotosammlung erhielt. Die ehemalige Bibliothekarin und Stadtführerin Gudrun Blankenburg setzte sich dafür ein, die Fotosammlung öffentlich zugänglich zu machen. Daraus entstanden eine Ausstellung, kuratiert von Irene von Götz, und das Buch.
Das Buch gibt auch Einblick in die Familiengeschichte der Staudts. Herwarth Staudt war 1946 nach vier Jahren Krieg und Gefangenschaft nach Berlin zurückgekehrt, wo einst der Großvater schon ein Fotoatelier besaß. Staudt arbeitete wie seine spätere Frau Ruth Böhm zunächst als Pressefotograf. Ein eigenes Kapitel zeigt auch Aufnahmen aus dieser Tätigkeit, etwa aus der Zeit der Luftbrücke oder Berlinerinnen und Berliner beim Sammeln von Brennholz.
Gudrun Blankenburg · Irene von Götz, Das zerstörte Schöneberg, Ruinenfotos von Herwarth Staudt, 2., unveränderte Auflage 2018, 192 Seiten, mit zahlreichen Fotos, 17,1 x 24,0 cm, Klappenbroschur, Euro 21.95, ISBN 978-3-930388-97-4
