Jürgen Holtfreters plakative Fotokunst

Cover Jürgen Holtfreter

Cover Jürgen Holtfreter

Jürgen Holtfreters Arbeiten  sind Kult.  Ikonisch ist sein knallrotes Plakat für den SDS, das die damalige Bahnwerbung kaperte und die Köpfe von Marx, Engels und Lenin mit dem Spruch „Alle reden vom Wetter. Wir nicht“ kombinierte. Jetzt ist ein reich illustrierter Bildband mit dem Titel „Jürgen Holtfreter – Politische Fotomontagen“ erschienen, der die Vielseitigkeit des  Fotokünstlers, Grafikdesigners und Layouters  zeigt. Das Buchcover ziert, wie sollte es anders sein, das SDS-Plakat aus dem Jahre 1968.

Der Band ist bei Elefanten Press erschienen, einem Verlag, der seine Anfänge in der Dresdener Straße in Kreuzberg hatte, später an der Zossener Straße beheimatet war und mit dem Mauerfall nach Treptow zog – und für den Jürgen Holtfreter unzählige Projekte verwirklicht hat. Einige Jahre firmierte der Verlag unter dem Namen Espresso, jetzt kehrte er zu seinem ursprünglichen Namen zurück.

Jürgen Holtfreter wurde 1937 in Rostock geboren und erlebte dort das Kriegsende. Seine wichtigsten Lebensstationen beschreibt er in einem Text, der dem Bildband vorangestellt ist. Er wächst in einem Werftarbeiterviertel auf, weiß früh, dass er „irgendwas mit Büchern“ machen will. In Thüringen besucht er die „Zentrale Schule für kulturelle Aufklärung“. Nach ersten Plakatentwürfen wird er an die „Schule für angewandte Kunst“ in Heiligendamm delegiert. Wohl fühlt er sich dort nicht, woran auch die Kulturpolitik der DDR ihren Anteil hat.

Über West-Berlin kommt er als minderjähriger Flüchtling nach Hamburg, mit der Anerkennung der Volljährigkeit trampt er zum Sehnsuchtsort Paris. Er benötigt eine finanzielle Grundlage, findet eine Anstellung auf dem Bau in Stuttgart, dann als Offset-Monteur. In Stuttgart kommt er in Kontakt mit den dortigen linken Gruppen, er veröffentlich erste Plakatentwürfe, angeregt von den Arbeiten John Heartfields. Seine Plakate zeigen Widersprüche auf, bringen Unvereinbares zusammen, machen Konflikte sichtbar. Über Stationen in Spanien und Rom kommt er wieder nach West-Berlin, wo er – auch ohne Studium – Teil der Studentenbewegung ist. Vor seiner Haustür findet das Attentat auf Rudi Dutschke statt, er begleitet Dutschke etwas später ins dänische Aarhus.

Geprägt sind Holtfreters Arbeiten bis heute von einer großen Friedenssehnsucht. Seine Montagen erscheinen in „konkret“ oder im „Extradienst“, in Studentenblättern, er gestaltet sämtliche Ausgaben des „Langen Marschs“. Immer wieder mal gibt es auch Ärger mit der Justiz.

Seine ersten Stuttgarter Plakate werden in einer Ausstellung in Kreuzberg gezeigt, daraus entwickelt sich die Idee, eine dauerhafte Galerie für politische Kunst zu gründen. Die Elefanten Press Galerie macht sich mit ihren Ausstellungen rasch einen Namen, es erscheinen regelmäßig Kataloge, meist gestaltet von Jürgen Holtfreter, der Gesellschafter von Elefanten Press ist, nebenbei auch die Tageszeitung „Wahrheit“ der SEW mit Arbeiten beliefert oder das Layout der Jugendzeitschrift „Blickpunkt“ des Landesjugendrings übernimmt. Nach der Wende fusionieren – mit Unterstützung der Elefanten Press Gesellschafter – die Düsseldorfer „Volkszeitung“ und der Ost-Berliner „Sonntag“ zum Wochenblatt „Freitag“. „Artdirector“ wird Jürgen Holtfreter.

Aus allen diesen Stationen – und vielen mehr – sind Arbeiten im Bildband versammelt. Plakate, Titelblätter, Montagen, Zeitungsseiten. Sie geben Auskunft über die politische Lage in der Republik, über die linken Hoffnungen und Streitthemen. Nebenher gibt der Band auch einen Überblick über die linke Medienlandschaft der siebziger, achtziger und neunziger Jahre, denn in allen wichtigen Medien hat Holtfreter veröffentlicht.

Produktiv ist Jürgen Holtfreter noch immer: als Herausgeber des jährlichen Karicartoon-Kalenders.

Jürgen Holtfreter, Politische Fotomontagen, Großformat Hardcover, 224 Seiten durchgehend farbig, ELEFANTEN PRESS, ISBN 978-3-88520-999-7, Ladenpreis 28,00€. Erschienen am 12. November 2025

Über Ulrich Horb

Jahrgang 1955, Journalist und Fotograf in Berlin
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