Vor 75 Jahren, am 23. Februar 1951, ist der frühere sozialdemokratische Reichstagsabgeordnete Hugo Heimann im New Yorker Exil verstorben. In seinen
mehr als 90 Lebensjahren hat er Höhen und Tiefen deutscher Geschichte erlebt. Viele Jahre hat er das Bild der SPD geprägt. Und er hat die Entwicklung Berlins entscheidend mitgestaltet.
Hugo Heimann war kein typischer Sozialdemokrat, er stammte aus einer bürgerlichen jüdischen Familie in Westpreußen. Ein Vetter des früh verstorbenen Vaters brachte Heimann schon in der Jugend mit Größen der Arbeiterbewegung wie August Bebel oder Paul Singer zusammen. Daraus entstanden langjährige Freundschaften. Und Hugo Heimann entwickelte ein Gefühl für soziale Gerechtigkeit, das ein Leben lang zu seinem Maßstab wurde.
Heimann besuchte in Berlin das Gymnasium zum Grauen Kloster, ging ohne Abitur von der Schule ab und begann eine Buchhändlerlehre, arbeitete zunächst in Berlin, dann in London. Zurück in Berlin wurde er Partner in der I. Guttentag‘schen Verlagsbuchhandlung, die er erfolgreich zu einem führenden juristischen Fachverlag ausbaute. Heimann sympathisierte weiter mit der zwischen 1878 und 1890 verbotenen Sozialdemokratie, aber erst nach dem Verkauf der Buchhandlung, der ihn zu einem wohlhabenden und unabhängigen Mann machte, konnte er sich auch öffentlich zur Partei bekennen.
Damit begann ein zweiter wichtiger Lebensabschnitt von Hugo Heimann. Er setzte seine finanziellen Mittel ein, um Arbeiterinnen und Arbeitern den Zugang zu Bildung zu erleichtern. Dem Obdachlosenasyl Wiesenburg im Wedding hatte er schon 1897 eine kleine Bücherei gestiftet. Nun eröffnete er 1899 mit seiner Frau Cäcilie, genannt Cilli, eine öffentliche Bibliothek und Lesehalle in Kreuzberg. Schon beim Start konnte im Lesesaal zwischen 400 politischen Tageszeitungen gewählt werden, allein aus Berlin waren 27 Blätter abonniert. Die Nachschlagebibliothek umfasste zu Beginn bereits tausend Bände. Heimann wollte Politik transparenter und verständlicher machen. Deshalb ließ er auch die amtlichen Drucksachen des Berliner Magistrats auslegen, die sonst ebenso wenig im Buchhandel erhältlich waren wie die Protokolle der Stadtverordnetensitzungen oder des Reichstags. Geöffnet war von 5.30 Uhr bis 22 Uhr, an Sonn- und Feiertagen von 9 bis 13 und von 15 bis 18 Uhr, so dass Arbeiterinnen und Arbeiter vor und nach ihrer Schicht das Angebot nutzen konnten. Bis 1920 finanzierte Heimann die Bibliothek, dann schenkte er sie der Stadt. Auch seine einzige Parteifunktion war mit dem Thema Bildung verbunden: Zwischen 1906 und 1917 war er Vorsitzender des Zentralen Bildungsausschusses der SPD.
1901 erwarb Hugo Heimann ein Grundstück an der Weddinger Prinzenallee 46a, auf dem er acht zwei- bis dreistöckige Häuser errichten ließ, im Volksmund die „Roten Häuser“ genannt, die Heimann anschließend nominell an sozialdemokratische Kandidatinnen und Kandidaten für die Stadtverordnetenversammlung verkaufte. Damit schaffte er es, das Dreiklassenwahlrecht zu umgehen, das Hausbesitzer bevorzugte und die Sozialdemokratie damit benachteiligte.
Viele Jahre blieb Heimann in der Kommunalpolitik aktiv. Von 1900 bis 1932 gehörte er der Berliner Stadtverordnetenversammlung an. Früh warb er für einen kommunalen Wohnungsbau, um die Wohnungsnot zu beseitigen. Er kämpfte dafür, den öffentlichen Nahverkehr in einem kommunalen Betrieb zu vereinen und Berlin mit den umliegenden Gemeinden und Städten zu Groß-Berlin zusammenzulegen.
Von 1920 bis 1932 war er Mitglied des Reichstages und erlangte Respekt und Anerkennung als Vorsitzender des Haushaltsausschusses und exzellenter Kenner der Finanzpolitik.
Seine Ehefrau Cilli war für Hugo Heimann eine wichtige Ratgeberin in einer gleichberechtigten Ehe. Gemeinsame Reisen und gemeinsame Erfahrungen prägten die Ehe. Vor wichtigen Entscheidungen wie dem Verkauf der Verlagsbuchhandlung oder der Stiftung der Bibliothek wogen sie das Für und Wider gemeinsam ab.
Heimann wirkte auf seine Mitmenschen bescheiden. Er drängte nicht nach Ämtern. Seine vermittelnde Art machte ihn über Parteigrenzen hinweg zum gefragten Ratgeber. Im Sommer 1926 wurde Hugo Heimann Ehrenbürger von Berlin, eine Auszeichnung, die bis dahin noch keinem Sozialdemokraten in einer deutschen Stadt zuteil wurde.
1932 trat Heimann aus Altersgründen nicht mehr zur Wahl an. Lange wehrte er sich gegen die Vorstellung, seine Heimat Deutschland verlassen zu müssen. Erst mit 80 Jahren war er angesichts der zunehmenden Verfolgung von Jüdinnen und Juden und Andersdenkenden durch die Nationalsozialisten dazu bereit.
Die Nazis beschlagnahmten das restliche Vermögen. Im Juli 1939 emigrierte Heimann mit seiner Frau Cäcilie über England in die USA, mit zehn Mark in der Tasche als Rest des gesamten Hab und Guts. Zwei Söhne lebten bereits in den USA. Tochter Johanna, die wegen ihrer Tätigkeit für eine Hilfsorganisation Deutschland nicht verlassen wolle, widersetzte sich allen Appellen ihrer Eltern, mitzukommen. Als Ende 1942 ihre Deportation drohte, nahm sie sich das Leben.
Hugo Heimann hielt viele Jahre per Brief Kontakt mit Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten, die ebenfalls emigriert waren. 1945 verfolgte er von New York aus den Neuanfang in Deutschland, warb dafür, Deutschland die Rückkehr in die Völkergemeinschaft zu ermöglichen. Eine Rückkehr nach Deutschland kam für ihn
selbst aus Altersgründen nicht mehr in Frage.
Hugo Heimann starb am 23. Februar 1951, kurz vor seinem 92. Geburtstag. Das Altersheim in New York hatte er zuletzt kaum noch verlassen. Dennoch war die Trauer auch in den USA groß. Amerikanische Zeitungen, so berichtete es der Sozialdemokratische Pressedienst aus New York, widmeten ihm lange und ausführliche Nachrufe.
In Deutschland trauerten die noch lebenden Weggefährten. Eine Brücke im Wedding
und eine Schule in Neukölln sind bis heute nach ihm benannt. Seine vielfältigen Leistungen und Verdienste aber gerieten nach und nach in Vergessenheit.
Mehr in: Ulrich Horb, Hugo Heimann und die „Roten Häuser“ – Verleger, Mäzen,
Sozialdemokrat, 172 Seiten, Abbildungen, ISBN 978-3-946327-44-8, 15,– €,
Band 11 der Reihe „Wedding Bücher“
www.wedding-buecher.de
