„Mein Gott, Berlin“

Cover "Mein Gott, Berlin" von Jürgen Engert, 2001 erschienen.

Cover „Mein Gott, Berlin“ von Jürgen Engert, 2001 erschienen.

Auf dem Umschlagfoto schaut der Autor ernst und nachdenklich auf die Leserinnen und Leser, die linke Faust ist gegen die Wange gepresst. Der Buchtitel unter diesem Motiv lässt  spüren, wie sich der Verfasser auch gedanklich an den Kopf fasst:  „Mein Gott, Berlin“ – unter diesem Titel hat der  Journalist Jürgen Engert 2001 seine Sicht auf die zusammenwachsende Stadt veröffentlicht. Der Titel, den sich der Autor da zu eigen macht, ist ein Ausspruch des Großvaters beim Abschied Engerts aus Sachsen. „Berlin, das war die Anti-Stadt für das sächsische Gemüt: Zu groß, zu laut, zu schnell, hemdsärmelig“, so Engert  über die Haltung des Großvaters.

Jürgen Engert, 1936 in Dresden geboren und zum Studium 18jährig in den Westteil Berlins gekommen, ist ein langjähriger Beobachter der politischen Landschaft der Stadt. Bei der Tageszeitung „Der Abend“ hospitierte er, hier arbeitete er in den sechziger Jahren als politischer Redakteur und ab 1974 als Chefredakteur. Als das Blatt von einem Teppichhändler übernommen werden sollte, verließ Engert  den „Abend“ und ging zum Fernsehen. 1987 wurde er beim Sender Freies Berlin Chefredakteur des Fernsehens und schließlich Gründungsdirektor des ARD-Hauptstadtstudios. Er kannte die Entscheidungsträger der Stadt und war Beobachter zahlreicher politischer Ereignisse aus nächster Nähe.  Seine Erinnerungen könnten  also Zusammenhänge erklären, sie könnten spannend und erhellend sein.

Sie sind es leider über weite Strecken nicht.  Zu sehr ist das Bemühen des Autors zu spüren, nach all den Jahren des täglichen Journalismus nun etwas Bleibendes,  ein Stück Literatur, abzuliefern.  Dazu bemüht er Tiervergleiche, um von ihm wahrgenommene Charakteristika der West-Berliner Spezies zu beschreiben. Da wird etwa der Dackel zum Symbol für den Berliner.  Der sächsische Opa lässt grüßen. Es ist ein wenig differenziertes Bild von Berlin, das Engert entwirft, geprägt überwiegend von einer West-Berliner Sicht. Die Vielschichtigkeit der Stadt bleibt weitgehend außen vor.  Manches wirkt wie private Rechtfertigung, manches ist zu langatmig. „Es gab eine Zeit, und die dauerte und dauerte, und wie sie enden würde, das wusste ich nicht, und in dieser Zeit war es geboten zu schreiben: Ich bin ein West-Berliner.“ So setzt sich Engert am Anfang eines viereinhalbseitigen Textes mit der Schreibweise von „Westberlin“ und „West-Berlin“ auseinander.

Seine Stärken hat Engerts Rückschau, wenn er  Einblicke in die Arbeitsbedingungen des Fernsehmagazin „Kontraste“ liefert, das sich der Ost-West-Berichterstattung verschrieben hatte, oder wenn er die  Grenzen beschreibt, die einem Vertreter der evangelischen Kirche wie Manfred Stolpe gesetzt waren.

Jürgen Engert, Mein Gott Berlin. Von der Elbe an die Spree: Ein deutscher Lebensweg. Hohenheim Verlag, Stuttgart/ Leipzig 2001, 238 Seiten, ISBN 3-89850-044-6.

Über Ulrich Horb

Jahrgang 1955, Journalist und Fotograf in Berlin
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