
Cover „Skandale in Berlin“
Skandale gab es viele. Und meist waren es nicht die großen Ungerechtigkeiten, die Armut oder Unterdrückung, die als Skandal empfunden wurden. Es sind die Beziehungsdramen, die kleinen und großen Betrügereien, die Regelverstöße der „hohen Herrschaften“. 16 solcher Dramen mit Skandalcharakter aus den Jahren zwischen 1890 und 1980 erzählt Regina Stürickow in ihrem neuen Buch.
Angefangen mit den Sexgeschichten und Erpressungsversuchen am Hof des Kaisers über die großen Wett- und Anlagebetrügereien in der Weimarer Zeit, die Ehebruchaffären des Vorzeige-Nazis Joseph Goebbels und die Geheimdienstoperationen während des Kalten Kriegs bis zu den Bauskandalen der Nachkriegszeit: Skandale lebten in allen Zeiten von Spekulation. Was wahr ist, was Übertreibung, lässt sich auch im Rückblick nicht immer letztgültig feststellen.
Manchmal ist Übertreibung auch der Auslöser eines Skandals, etwa im Fall des Max Klante, der in den zwanziger Jahren mit seinen Versprechen von 100prozentigen Renditen in nur zwei Monaten zahlreiche Berlinerinnen und Berliner um ihr Erspartes bringt. Oder im Fall des Dietrich Garski, der den Senat von Dietrich Stobbe zu Fall brachte. FDP-Mitglied und Architekt Garski hatte allzu leicht Senatsbürgschaften für windige Projekte in arabischen Ländern erhalten.
Ihre Aufsichtspflicht hatte 1929 auch die Berliner Stadtbank vernachlässigt, die der Textilfirma Sklarek Kredite über zehn Millionen Reichsmark eingeräumt hatte. Im September 1929 stellte sich bei einer Prüfung der Revisoren heraus, dass die angeblich amtlichen Bescheinigungen über große Aufträge allesamt gefälscht waren, das Geld hatten die Sklarek-Brüder verprasst. Bei den Ermittlungen kam aber auch zum Vorschein, dass viele Magistratsmitarbeiter und Politiker bei Textileinkäufen Sonderkonditionen von den Sklareks bekamen. Auch der gerade auf Dienstreise befindliche Oberbürgermeister Gustav Böß wurde in den Skandal hineingezogen, seine Frau hatte – ohne eigenes Zutun – beim Kauf eines Pelzes einen größeren Rabatt erhalten, den Böß durch Spendenzahlungen ausgeglichen hatte. In der Abwesenheit von Böß verselbständigten sich die Vorwürfe, der Ruf des DDP-Politikers war ruiniert, er trat zurück. Zwei Jahre später wurde der Prozess gegen die Sklarek-Brüder und die Bankdirektoren eröffnet, die Sklareks wurden zu vier Jahren Zuchthaus verurteilt.
Die 16 reich illustrierten Sittengeschichten sorgen auch heute noch für Kopfschütteln, sie verraten aber auch viel über die Mechanismen von Skandalen: je weniger Information, desto mehr Spekulation.
Regina Stürickow, Skandale in Berlin, 16 unglaubliche Geschichten 1890 bis 1980, ca. 176 Seiten, laminierter Pappband, ISBN 978-3-944594-35-4, EUR 19,95 (D)