Wedding, Mai 1945: Letzte Kämpfe am Humboldthain

Bunker am Humboldthain 1981: Blick über den Wedding. Foto: Ulrich Horb

Bunker am Humboldthain 1981: Blick über den Wedding. Foto: Ulrich Horb

Krieg und Naziterror fordern auch im April und Mai 1945 im Wedding noch zahlreiche Opfer.  Am 13. April werden Richard Weller und sechs weitere Arbeiter des AEG-Werks Berlin-Wedding wegen Vorbereitung zum Hochverrat im Gefängnis Plötzensee enthauptet. Viele, die im einst roten Wedding im Widerstand aktiv waren, sind in den zurückliegenden Jahren verhaftet und gefoltert worden, einige kommen in den letzten Wochen vor Kriegsende bei Zwangsarbeit um oder werden im KZ erschossen. Und bei Kämpfen am Humboldthain sterben bis zuletzt noch jugendliche Flakhelfer.

In den letzten Apriltagen 1945 ist das Ende des Krieges absehbar. Trümmer und Ruinen bestimmen das Bild der Berliner Innenstadt, Folge zahlreicher schwerer Luftangriffe. Der Krieg wird nun dort geführt, wo er seinen Ausgang genommen hat. Mit dem 288. Luftangriff am Vormittag des 3. Februar 1945 haben mehr als 900 amerikanische Bomber große Teile von Kreuzberg und Mitte zerstört. Am 26. Februar werden in der Weddinger Müllerstraße 142 die bereits 1943 beschädigten Pharus-Säle getroffen. Hier hatten vor 1933 große Veranstaltungen von SPD und KPD stattgefunden. Der Häuserblock Bernauer Straße/Wolliner Straße wird in den letzten Kriegswochen durch eine Luftmine völlig zerstört. Wohnhäuser in der Ramler-, Graun- und Ruppiner Straße werden ausgebombt.

Berlin ist von der Roten Armee eingekesselt. Am 21. April rückt sie über Marzahn und Lichtenberg ins Berliner Stadtgebiet vor. Der S-Bahnring ist zur „Hauptkampflinie“ erklärt worden.  Am 23. April erreichen sowjetische Truppen den Gesundbrunnen.  Drei Tage lang wird in der Schulstraße um einzelne Häuser gekämpft.

Ende April 1945 ist die Versorgung in Berlin weitgehend zusammengebrochen. Die Verkehrsverbindungen sind unterbrochen, U-Bahntunnel sind geflutet, Brücken gesprengt, Kommunikationsverbindungen gibt es nicht mehr. In den Richtlinien zur Volksernährung der NSDAP werden als wichtige Nahrungsmittel u.a. Kastanien, Eicheln, Klee, Luzerne, Frösche und Schnecken empfohlen.  SA- und SS-Männer machen Jagd auf alle, die der Aufforderung der Roten Armee folgen und die weiße Fahne hissen.

Bunker am Humboldthain 1981: Blick über den Wedding. Foto: Ulrich Horb

Bunker am Humboldthain 1981: Blick über den Wedding. Foto: Ulrich Horb

Der Humboldthain ist kein Park mehr, hier haben die Nazis 1941/42 einen riesigen Flakbunker errichtet mit einem 40 Meter hohen Gefechtsturm mit vier Ecktürmen und einem Leitturm.   In den Flaktürmen konnten rund 30.000 Zivilisten Zuflucht finden. Nach dem sowjetischen Vormarsch in Berlin sind die amerikanischen und britischen Luftangriffe am 20. April eingestellt worden, die Flakstellung wird nun zum Kampf gegen die vorrückende Rote Armee eingesetzt. Als letztes Aufgebot werden an den Geschützen Hitlerjungen eingesetzt. SS-Einheiten haben Wohnhäuser der Rügener Straße niedergebrannt, um freies Schussfeld zu haben.

Am 2. Mai kapituliert Berlin.  Der letzte Stadtkommandant von Berlin, General Helmuth Weidling, lässt die Kämpfe gegen die Rote Armee am Morgen einstellen und unterzeichnet die Kapitulationsurkunde. Lautsprecherwagen fahren durch die Stadt und fordern zum Niederlegen der Waffen auf. Doch am Humboldthain gehen die Kämpfe weiter. Am Morgen des 3. Mai um 1 Uhr bezieht eine Gruppe von Soldaten mit dem Unteroffizier Wolfgang Karow, die von der Kapitulation nichts weiß, in einem Schützenloch am Brückenpfeiler der Wiesenbrücke über den Gleisen des S-Bahnhofs Humboldthain Stellung. „Die Nacht war eigenartig ruhig“, berichtet Karow später. „Drüben in der Hochstraße brannten einige Häuser, die ‚Lichtburg‘ stand in Flammen. Dadurch bot der Humboldthain mit seinen umgeschossenen Bäumen ein gespenstisches Bild.“ Die Lichtburg war ein 1929 eröffnetes Großkino in der Behmstraße.  Mittags am 3. Mai, einen Tag nach der Kapitulation, ergeben sich auch die letzten Soldaten im Wedding den Rotarmisten. Wolfgang Karow erinnert sich: „Stumm standen wir mit gemischten Gefühlen, unsere Waffen noch behaltend, zwischen den Russen. Was sollten wir tun – mit ihnen glücklich sein, noch zu den Lebenden zu gehören, oder über unser Schicksal trauern? Wir wussten es nicht.“ Im Brunnenviertel sind zum Kriegsende etwa ein Drittel aller Gebäude zerstört.

Bunker am Humboldthain 1981: Blick über den Wedding. Foto: Ulrich Horb

Bunker am Humboldthain 1981: Blick über den Wedding. Foto: Ulrich Horb

Die Rote Armee hat den restlichen Wedding unter Umgehung des Humboldthains bereits am 28. April besetzt, der sowjetische Militärkommandant setzt an diesem Tag Karl Schröder „von der Straße weg“, wie es heißt, als neuen Bürgermeister des Wedding ein. Er bleibt es nur ein paar Tage. Inzwischen hat die aus dem Moskauer Exil Ende April nach Berlin gereiste „Gruppe Ulbricht“ die politische Regie übernommen. Ihre zehn Mitglieder, die alle der KPD angehören, fahren am 2. Mai, dem Tag der Kapitulation der Stadt, in die Berliner Bezirke, um sich einen Überblick über die Situation der Verwaltungen zu verschaffen.

Ulbricht fordert eine „politisch richtige“ Zusammenstellung der Bezirksverwaltungen, ein taktisches Vorgehen, wie Wolfgang Leonhardt, Mitglied der Gruppe Ulbricht, später berichtet. Er zitiert Ulbricht: „Kommunisten als Bürgermeister können wir nicht brauchen, höchstens im Wedding und in Friedrichshain. Die Bürgermeister sollen in den Arbeiterbezirken in der Regel Sozialdemokraten sein. In den bürgerlichen Vierteln – Zehlendorf, Wilmersdorf, Charlottenburg usw. – müssen wir an die Spitze einen bürgerlichen Mann stellen, einen, der früher dem Zentrum, der Demokratischen oder Deutschen Volkspartei angehört hat. Am besten, wenn er ein Doktor ist; er muss aber gleichzeitig auch Antifaschist sein und ein Mann, mit dem wir gut zusammenarbeiten können.“

In den Arbeiterbezirken will Ulbricht für die übrigen Dezernate Sozialdemokraten oder antifaschistische Arbeiter heranziehen, in anderen Bezirken sollen Bürgerliche tonangebend sein, zumindest nach außen. „Der erste stellvertretende Bürgermeister, der Dezernent für Personalfragen und der Dezernent für Volksbildung – das müssen unsere Leute sein“, so Ulbrichts Vorgabe. „Dann müsst ihr noch einen ganz zuverlässigen Genossen in jedem Bezirk ausfindig machen, den wir für den Aufbau der Polizei brauchen.“ Im Wedding wird am 8. Mai der Kommunist Hans Scigalla als Nachfolger von Bürgermeister Karl Schröder eingesetzt.

Die Schering AG, auf deren Gelände die Rote Armee am 30. April eine Granatwerferstellung eingerichtet hat, erhält am 4. Mai den Befehl der Sowjets, die Arzneimittelproduktion wieder aufzunehmen, am 19. Mai  erfolgen die ersten Auslieferungen von Penicillin.

Am 8. Mai 1945 endet mit der Kapitulation Deutschlands der Krieg. Spätestens seit der Rede von   Bundespräsident Richard von Weizsäcker am 8. Mai 1985 ist klar: „Der 8. Mai war ein Tag der Befreiung. Er hat uns alle befreit von dem menschenverachtenden System der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft.“ Und Weizsäcker führte aus: „Niemand wird um dieser Befreiung willen vergessen, welche schweren Leiden für viele Menschen mit dem 8. Mai erst begannen und danach folgten. Aber wir dürfen nicht im Ende des Krieges die Ursache für Flucht, Vertreibung und Unfreiheit sehen. Sie liegt vielmehr in seinem Anfang und im Beginn jener Gewaltherrschaft, die zum Krieg führte. Wir dürfen den 8. Mai 1945 nicht vom 30. Januar 1933 trennen. Wir haben wahrlich keinen Grund, uns am heutigen Tag an Siegesfesten zu beteiligen. Aber wir haben allen Grund, den 8. Mai 1945 als das Ende eines Irrweges deutscher Geschichte zu erkennen, das den Keim der Hoffnung auf eine bessere Zukunft barg.“

 

Quellen:

Über Ulrich Horb

Jahrgang 1955, Journalist und Fotograf in Berlin
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