Echt progressiv bis voll krass: West-Berlins Kneipenkultur

Cover Kneipenkultur

Verrauchte Räume, knarzende Stühle, Kerzenwachs auf den Tischen, alte durchgesessene Sofas als Sitzgelegenheit, Wände voller Plakate. Die West-Berliner Kneipen der siebziger und achtziger Jahre hatten ihren eigenen Chic. Einige haben die Jahrzehnte überstanden, andere haben aufgegeben. Einen ziemlich vollständigen Überblick über die West-Berliner Kneipenkultur dieser Zeit gibt es jetzt als Buch. Marcel Nobis hat dafür die Steckbriefe der Kneipen auf fast 400 Seiten zusammengetragen und mit vielen zusätzlichen Informationen versehen, ein dickes Nachschlagewerk für alle West-Berliner, die wissen wollen, wo sie die Zeit zwischen 1968 und 1989 eigentlich verbracht haben.

Marcel Nobis hat seine Fleißarbeit unter erschwerten Bedingungen erledigt. „Einzelheiten über die Geschichte von Kneipen, Discotheken, Veranstaltungsorten, Szenetreffs in West-Berlin zusammenzubringen, die nicht allein zeitlich, sondern vor allem inhaltlich mit dem Datum 1968 in Verbindung stehen, ist insofern ein mühseliges Unterfangen, als das Erinnerungsvermögen der Zeitzeugen, also der Besucher der jeweiligen Läden, bedingt durch unbeschwerten Alkoholkonsum oder auch durch zusätzliches Kiffen und der entsprechend verminderten Speicherkapazität ihrer hirnorganischen Festplatten, allenthalben unpräzise ist“, gibt Marcel Nobis zu bedenken.

Vor hundert Jahren hatte Berlin so viele Kneipen wie keine andere Stadt Europas, Anfang der 1930er Jahre waren es 30.000 Lokale. Inzwischen hat sich die Zahl halbiert. Marcel Nobis erinnert in seinem Vorwort an die Situation im eingemauerten West-Berlin. Da gab es die alteingeführten Kneipen der Frontstadt mit ihren Stammgästen, die die hinzugezogenen Langhaarigen mitunter auch handgreiflich vor die Kneipentür setzten. Während ältere West-Berliner nach dem Mauerbau fortzogen, kamen Jüngere in die Stadt, zogen in WGs, bildeten Kollektive. Ein neues Kneipenpublikum war da.

Die Wirte dieser Szene-Kneipen waren nicht selten Studenten mit abgebrochenem Studium, ohne große Erfahrung in der Gastronomie. Was wohl alle Gäste einte, so Nobis, „war der Anspruch auf Mitgestaltung oder wenigstens Teilhabe an neuen, freien und kreativen Umgangsformen“.

Nur einige der aufgeführten Kneipen gab es schon vor 1968, etwa den Leierkasten in der Zossener Straße, Treffpunkt der Kreuzberger Malerpoeten um Kurt Mühlenhaupt. Manche Lokalitäten machten auch einen bemerkenswerten Wandel mit. So wurde aus dem Prärie Saloon“ an der Yorckstraße das „Delirium“. Zu vielen Kneipen fallen Marcel Nobis Geschichten ein. Oder er hat sie recherchiert. So erzählt er, dass im „Dragons Muddle“ in Wilmersdorf der Stadtguerillero Georg von Rauch „ganz ungeniert“ mit Haschisch dealte. Nobis berichtet, welche Wirte die „Nulpe“ hatte, kommentiert die Sitzgelegenheiten im „Oma Plüsch, verrät Rezepte von „Leydicke“, findet im „Zodiac“ die Haschrebellen und im „Slumberland“ den Sand am Boden. Natürlich darf der „Zwiebelfisch“ nicht fehlen, der am Savignyplatz die Zeit bis heute fast unverändert überdauert hat, vermisst wird der „Deichgraf“.

Es ist ein Werk, das eine Lücke schließt, die bisher nicht bemerkt worden ist, akribisch recherchiert, voller Erinnerungen und mit vielen Anekdoten angereichert.

Marcel Nobis,  Echt progressiv bis voll krass, Die unkonventionelle Kneipenkultur West-Berlins 1968 bis 1989, Verlag Akademie der Abenteuer, Berlin 2025, 388 S., zahlreiche Abbildungen, ISBN 978-3-98530-150-8, 29 Euro

 

Über Ulrich Horb

Jahrgang 1955, Journalist und Fotograf in Berlin
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