Seine Eltern hat Hans Coppi jr. nie kennenlernen dürfen. Willkürliche Todesurteile haben ihm in der NS-Zeit Vater und Mutter genommen. Ihm blieb nur die Annäherung über Dokumente, Zeitzeugenberichte und historische Quellen. Was er erfahren konnte, hat er in verschiedenen Vorträgen berichtet. Aus ihnen ist jetzt das Buch „Annäherung an meine Eltern Hans und Hilde Coppi“ geworden, erschienen im Verlag der Wedding-Bücher von Walter Frey, unterstützt von der Gedenkstätte Deutscher Widerstand.
Dr. Geertje Andresen, freie Mitarbeiterin der Gedenkstätte Deutscher Widerstand, schildert in der Einleitung die Entstehungsgeschichte des Buchs, Johannes Tuchel, ehemaliger Leiter der Gedenkstätte, erläutert in einem Vorwort die historische Aufarbeitung dieses Kapitels deutschen Widerstands.
Es hätte eine normale Jugend werden sollen. Geboren wurde Hans Coppi – der Vater von Hans Coppi jr. – am 25. Januar 1916 in Berlin, zu früh und mit deutlichem Untergewicht. Aber er kämpfte sich durch – wie auch später so oft. Aufgewachsen ist er im Wedding. Hier im Arbeiterbezirk begann auch früh sein politisches Engagement.
Als zwölfjähriger nahm er an einer Demonstration der KPD teil, wurde gemeldet und musste deshalb das Gymnasium verlassen. An der Reformschule auf der Insel Scharfenberg fand er Aufnahme und Kameradschaft. Der Schulleiter Blume sorgte dafür, so erläuterte es Hans Coppi jr. in einem Vortrag, „dass die Schüler den Zusammenhang von Theorie und handwerklicher und landwirtschaftlicher Praxis erfahren“. Blume schuf demokratische Strukturen an der Schule, politische und religiöse Betätigung blieb allerdings untersagt. In der Bibliothek, geführt von Heinrich Scheel, lagen Zeitungen verschiedenster Richtungen, von der „Roten Fahne“ der KPD über den sozialdemokratischen „Vorwärts“ bis zum „Völkischen Beobachter“ der Nazis. Zur Schule gehörte eine eigene Landwirtschaft, Arbeit war fester Teil des Schulprogramms. Und auch das Thema Kommunismus landete auf dem Stundenplan.
Die Eltern Coppi traten 1931 in die KPD ein, Hans Coppi besuchte den Jugendweiheunterricht, der viele gesellschaftliche Fragen ansprach. Angeregt durch die inzwischen gemachten Erfahrungen gründete er eine Zelle der Roten Pfadfinder, die sich später dem Kommunistischen Jugendverband anschlossen. Sie diskutierten, organisierten Veranstaltungen.
Schulleiter Blume versuchte, die Schule aus dem politischen Streit der Weimarer Republik herauszuhalten. Er kündigte dazu auch das bisherige Verfahren der Aufnahme von Schülern auf und wollte allein über deren Aufnahme entscheiden. Diese Einschränkung der Schülerdemokratie enttäuschte die Gruppe um Hans Coppi. Zum großen Streit kam es, als eine Reihe von Schülern unerlaubt zu einer Filmvorführung ging und bestraft werden sollte. Hans Coppi kündigte aus Solidarität an, die Schule, die ihm zu unpolitisch geworden war, zu verlassen. Er ging wieder zum Lessing-Gymnasium und engagierte sich im Kommunistischen Jugendverband. Im Frühjahr 1933 wirkte er mit daran, Strukturen für die illegale Arbeit der inzwischen verbotenen KPD und ihrer Jugendorganisation zu schaffen. Erste Aktionen des Widerstands, oder wie die Nazis es nannten, „der Verbreitung von Hetzschriften“ wurden organisiert. Von der Polizei gesucht, tauchte Hans Coppi zunächst unter.
Dennoch beteiligte er sich mit Scharfenberger Freunden an weiteren Aktionen, etwa dem Protest gegen die Scheinwahlen im November 1933. Im Februar 1934 kam Coppi ins KZ Oranienburg. Im August 1934 wurde er zu einem Jahr Haft in der Strafanstalt Plötzensee verurteilt.
Hans Coppis Mutter Hilde war ebenfalls früh politisch interessiert. Armut und der Weg zu einer gerechteren Welt waren vieldiskutierte Themen in ihrem Freundeskreis.
Bei einer Silvesterfeier 1939 lernten sich Hilde und der sieben Jahre jüngere Hans Coppi kennen. Im Sommer 1941 heirateten sie. Hans Coppi hatte inzwischen Kontakte zu Gegnern des Nationalsozialismus wie Harro Schulze-Boysen, der einen Funkverkehr mit der Sowjetunion aufbauen wollte. „Nur eine Zusammenarbeit mit der stärksten Macht der Anti-Hitler-Koalition konnte helfen, den Krieg zu beenden und das Nazi-Regime zu stürzen“, erläutert Hans Coppi jr. die Motivation der Widerstandskämpfer. Als der ursprünglich vorgesehene Funker ausfiel, wurde Hans Coppi in die Technik eingewiesen. Letztlich kam es aber zu keinem Funkverkehr.
Das Netz der Nazi-Gegner wurde von der Gestapo unter dem Fahndungsnamen „Rote Kapelle“ verfolgt. Mit Flugblättern wollten Coppi und seine Mitstreiterinnen und Mitstreiter aufklären, auch Hilde Coppi wirkte mit. Sie hörte u.a. verbotenerweise den Moskauer Rundfunk ab und gab dessen Informationen über deutsche Kriegsgefangene weiter. Im September 1942 wurden Hans und Hilde Coppi wegen „Vorbereitung zum Hochverrat“ verhaftet und schließlich zum Tode verurteilt. Im November 1942 kam Hans Coppi jr. im Frauengefängnis Barnimstraße zur Welt.
Das Buch enthält bislang unveröffentlichte Briefe, die sich Hans und Hilde während der Haftzeit zukommen ließen. In berührenden Worten haben sich beide gegenseitig ermutigt – überzeugt davon, für eine gerechte Sache gekämpft zu haben. Und voller Hoffnung für ihr gemeinsames Kind, an dessen Leben sie keinen Anteil haben konnten.
Ein eigenes Thema bleibt der Umgang mit dem Erbe der Widerstandskämpfer in Ost und West. Hans Coppi macht klar, dass die „Rote Kapelle“ ein Konstrukt der Gestapo war und als Organisation nie bestanden hat. Dennoch blieb lange die Erzählung der Gestapo bestehen. Während die Widerstandskämpfer um Hans Coppi und Harro Schulze-Boysen im Westen Deutschlands in der Nachkriegszeit als sowjetisches Spionagenetz angesehen und damit im Kalten Krieg missachtet wurden, galten sie in der DDR als volksfrontartige Kundschaftergruppe unter Führung der KPD und wurden glorifiziert. Die weltanschauliche Vielfalt der NS-Gegner sei damit eingeebnet worden, so Coppi.
Hans Coppi jr. hat die viel zu kurzen Lebensgeschichten seiner Eltern vom Schubladendenken befreit, er hat Entwicklungen und Motive für ihr Handeln, ihre Überzeugung und ihr Engagement aufgezeigt. Und er erzählt, was sie nicht mehr erzählen konnten.
Hans Coppi jr., Annäherung an meine Eltern Hans und Hilde Coppi, Hrsg. Geertje Andresen, Verlag Walter Frey, Berlin 2026, 172 S., ISBN 978-3-946327-45-5
