
Ansichtskarte: Eingang zur Deutschen Armee-, Marine- und Kolonialausstellung 1907 an der Rubensstraße. Foto: Archiv Ulrich Horb
Im Jahre 1907 war ein Gelände unweit des Bahnhofs Friedenau fünf Monate lang Schauplatz eines großen Militärspektakels. Auf dem damals noch unbebauten Areal zwischen Rubensstraße, Vorarlberger Damm und dem heutigen Grazer Platz wurden Ausrüstungsgegenstände und Waffen für Armee und Marine präsentiert, zahlreiche Zulieferfirmen zeigten Waren aus und für die deutschen Kolonien. Die Ausstellung war Verkaufsschau und zugleich eine Werbeaktion für den deutschen Kolonialismus – zu einer Zeit, als der Völkermord an den Hereros und Namas in Deutsch-Südwestafrika noch immer andauerte. Heute erinnert nichts mehr daran.
Vorläufer der Schau in Friedenau war die Berliner Gewerbeausstellung von 1896, die im Treptower Park stattgefunden hatte. Mit ihr sollte kompensiert werden, dass Berlin, das 25 Jahre zuvor zur deutschen Hauptstadt geworden war, anders als Paris und London noch keine Weltausstellung vorzuweisen hatte. Über 3700 Austeller präsentierten 1896 die Leistung von Gewerbe und Industrie in Deutschland, auch hier spielte der Kolonialismus bereits eine wichtige Rolle. Dabei zeigten nicht nur Firmen, die von der Ausbeutung der Menschen und der Ressourcen in den Kolonien profitierten, ihre Produkte, es wurden auch als Volksbelustigung afrikanische Dörfer nachgebaut, in denen rund 100 angeworbene Afrikaner zur Schau gestellt wurden. Drei von ihnen fanden während der Ausstellung den Tod.
Deutschland hatte sich erst spät in das Geschäft mit den Kolonien eingemischt, abgesehen von einem kurzzeitigen Versuch des Großen Kurfürsten von Brandenburg-Preußen, der sich im 17. Jahrhundert auch am Sklavenhandel beteiligte. Den deutschen Kleinstaaten, die über keine Flotte verfügten, hatten die Mittel gefehlt. Das hinderte die Landesfürsten allerdings nicht daran, Soldaten für die Einsätze anderer Nationen in deren Kolonien zu vermieten. Erst mit der Zusammenarbeit der Kleinstaaten im Deutschen Bund und im Zollverein kam der Wunsch auf, im Konzert der Kolonialmächte England, Frankreich, Spanien, Niederlande mitzuwirken. Befeuert wurde diese Debatte von privaten Vereinen und aus Kreisen der Wirtschaft.
Der preußische Ministerpräsident und spätere Reichskanzler Otto von Bismarck stand den Forderungen nach deutschen Kolonien noch in den sechziger Jahren des 19. Jahrhunderts skeptisch gegenüber. Er zweifelte am wirtschaftlichen Nutzen. Für die Sozialdemokraten stellte deren Vorsitzender August Bebel im Januar 1889 in einer Reichstagsrede die grundsätzliche Ablehnung des Kolonialismus fest: „Wo immer wir die Geschichte der Kolonialpolitik in den letzten drei Jahrhunderten aufschlagen, überall begegnen wir Gewalttätigkeiten und der Unterdrückung der betreffenden Völkerschaften, die nicht selten schließlich mit deren vollständiger Ausrottung endet. Und das treibende Motiv ist immer, Gold, Gold und wieder nur Gold zu erwerben. Und um die Ausbeutung der afrikanischen Bevölkerung im vollen Umfange und möglichst ungestört betreiben zu können, sollen aus den Taschen des Reichs, aus den Taschen der Steuerzahler Millionen verwendet werden, soll die Ostafrikanische Gesellschaft mit den Mitteln des Reichs unterstützt werden, damit ihr das Ausbeutegeschäft gesichert wird. Dass wir von unserem Standpunkt aus als Gegner jeder Unterdrückung nicht die Hand dazu bieten, werden Sie begreifen.“
Allerdings war in Deutschland nach der Gründung des deutschen Reiches 1871 und im Zuge der Industrialisierung das Interesse an eigenen Kolonien und damit verbunden an Rohstoffen gewachsen. Auf Einladung Bismarcks trafen sich von November 1884 bis Februar 1885 in Berlin die Vertreter der europäischen Kolonialmächte, um den afrikanischen Kontinent unter sich aufzuteilen. Mit „Deutsch-Südwestafrika“, im heutigen Namibia, Togo und Kamerun, entstand 1884 die erste deutsche Kolonie, anderthalbmal so groß wie das damalige deutsche Reich. Der Kaufmann Franz Adolf Eduard Lüderitz (1834-1886) hatte die Gebiete vereinnahmt, Deutschland erklärte 1884 seine „Schutzherrschaft“ und schickte 1890 zur Untermauerung seines Anspruchs eine „Schutztruppe“. Es folgten nur wenige Siedler aus Deutschland: 1903 lebten rund 2.200 und 1909 rund 9.400 Deutsche in Südwestafrika.
1885 entstand mit „Deutsch-Ostafrika“ die größte deutsche Kolonie auf dem Boden der heutigen Länder Tansania, Burundi und Ruanda sowie Teilen von Mosambik. 1898 kam das Gebiet Kiautschou in Nordostchina hinzu, 1899 Samoa.
Die „Deutsche Armee-, Marine- und Kolonialausstellung“, nach den Anfangsbuchstaben kurz Damuka genannt, sollte, wie der 1. Vorsitzende der Berliner Abteilung der Deutschen Kolonialgesellschaft Generalmajor a.D. von Poser und Groß-Raedlitz in seiner Eröffnungsrede erklärte, „die wirtschaftliche Wechselwirkung und die innigen Zusammenhänge zwischen Heer, Marine und Kolonialwirtschaft und dem heimischen Handel und der Industrie“ veranschaulichen. Darüber hinaus wolle diese Ausstellung beweisen, „wie unrichtig es ist, Armee, Marine und Kolonien als unproduktiv zu bezeichnen – im Gegenteil: Viele Millionen Arbeiter werden durch sie ernährt, und die Erwerbsfaktoren werden durch sie in hohem Maße befruchtet“. Der Generalmajor, Mitglied im Arbeitsausschuss, der die Ausstellung vorbereitet hatte, wehrte sich gegen Kritik an der Kolonialpolitik, wie sie von den Sozialdemokraten kam: „Seit den letzten zehn Jahren sind die Kolonien vermehrt und bilden augenblicklich den Mittelpunkt der geschäftlichen Interessen des deutschen Volkes.“ Welcher Geist in Armee und Marine lebe, „beweisen die glänzenden Taten unserer jungen Krieger in Ost-Asien, Deutsch-Ost-Afrika und namentlich Deutsch-Südwest-Afrika“.
Was da als „glänzende Taten“ dargestellt wurde, ist inzwischen als Völkermord anerkannt: Zwischen 1904 und 1908 wurde ein Aufstand der Herero und Nama gegen die deutschen Kolonialherren in Deutsch-Südwestafrika blutig niedergeschlagen. Wirtschaftliche Not hatte ihn ausgelöst. Ein Großteil der Hereros, denen von den Deutschen Weideflächen für ihre Tiere genommen worden waren, floh in die Omaheke-Wüste, zehntausende kamen dort um – die Deutschen ließen sie verhungern und verdursten. Der deutsche Befehlshaber von Trotha erklärte 1904: „Innerhalb der deutschen Grenze wird jeder Herero mit oder ohne Gewehr, mit oder ohne Vieh erschossen, ich nehme keine Weiber und Kinder mehr auf, treibe sie zu Ihrem Volk zurück oder lasse auf sie schießen.“
Im Katalog zur Armee-, Marine- und Kolonialausstellung hieß es: „Macht und Stärke allein garantieren einem Volke den Frieden, den es nötig hat, um eine Volkswirtschaft zur höchsten Blüte zu bringen. Dieser politische Grundsatz hat neuerdings wohl kaum in einer Nation stärker Wurzel geschlagen, wie in der deutschen. Soweit man in der Geschichte des Deutschen Reichs zurückblättert, hat die überwältigende Mehrheit seiner Bewohner immer, wenn die Frage auf der Tagesordnung stand, ob dem Reiche neuer Schutz gewährt werden solle, ob eine Verstärkung der Wehrkraft zu Lande und zu Wasser nötig sei, ob die Weltmachtstellung Deutschlands durch Erwerbung von Kolonien, durch ihren Ausbau oder durch energische Niederwerfung von den deutschen Namen schädigenden Aufständen gefestigt werden müsse, ihrem kaiserlichen Herrn begeistert und in Treue Gefolgschaft geleistet.“
Der sozialdemokratische „Vorwärts“ widersprach in seiner Ausgabe vom 16. Mai 1907 den Behauptungen, wie sie etwa in der Eröffnungsrede zur Kolonialausstellung am Vortag aufgestellt wurden. Bezweifelt wurde vor allem die These von Generalmajor a.D. von Poser und Groß-Raedlitz, Militär und Kolonien ernährten Millionen Arbeiter. Für den Vorwärts waren das nur „platte Phrasen“. Die Gelder könnten sinnvoller eingesetzt werden als für das Militär. August Bebel wird aus seiner Reichstagsrede vom 10. Februar 1900 zum Ausbau der Flotte zitiert: „Arbeit könnte man auch schaffen, wenn man keine Flottenvorlage hätte.“ Und Bebel nannte Beispiele für solche sinnvollen staatlichen Investitionen: In den kommenden 15 bis 20 Jahren sei der Bau von 15.000 bis 30.000 zusätzlichen Schulhäusern mit Kosten von 48 Millionen Mark nötig. Mit 30 Millionen Mark könnten hundert Spitäler geschaffen werden.
Das Ausstellungsgelände in Friedenau war im Jahr zuvor Schauplatz der Landwirtschaftlichen Ausstellung. Von ihr waren zwei Gebäude – ein Pavillon und ein Holzhaus – stehen geblieben. Dass es um den Veranstaltungsort überhaupt Diskussionen gab, stieß beim Friedenauer Lokalanzeiger auf Unverständnis: „Der Erfolg der ‚verflossenen‘ Landwirtschaftlichen Ausstellung hat doch gewiss zur Genüge gezeigt, daß in und um Berlin herum kein anderes Terrain für große Ausstellungen geeigneter sein kann als unser Friedenau-Schöneberger.“ Kritik übte der Lokalanzeiger an einigen Eigentümern von Ausstellungsflächen, die hohe finanzielle Forderungen stellten, so dass die Ausstellung daran fast gescheitert wäre.

Panorama der Deutschen Armee-, Marine- und Kolonialausstellung 1907 an der Rubensstraße. Foto: Archiv Ulrich Horb
Während es bei der Landwirtschaftsschau nur einen schlichten Lehmboden gab, wurde nun eine Parkanlage mit befestigten Wegen, Bäumen, Sträuchern, Rasen und einem künstlichen See geplant. „Den See werden Modelle von Motor- und Segelbooten beleben und ein von der Kaiserlichen Werft in Kiel zur Verfügung gestellter Gefechtsmast von 11 Tonnen Gewicht wird sich in seinen Fluten spiegeln; aber auch für Zwecke der drahtlosen Telegraphie und zur kilometerweiten Nachtbeleuchtung mit elektrischen Scheinwerfern verwendet werden“, vermeldet der Friedenauer Lokal-Anzeiger im Oktober 1906. Und der Autor weiß um die beabsichtigte Wirkung: „In den Ausstellungsgebäuden, deren Fassaden künstlerische Wirkung hervorrufen werden, werden Schaustellungen von großem Wert zu finden sein, die ihren Eindruck auf das arbeitende ‚Volk in Waffen‘ nicht verfehlen werden.“

Rudolf Hellgrewe. Foto: Von unbekannt – Internet, PD-alt-100, https://de.wikipedia.org/w/index.php?curid=4267224
Das Plakat- und Werbemarkenmotiv zur Damuka entwarf der Berliner Maler und Illustrator Rudolf Hellgrewe (1860-1926), Mitbegründer des deutschen Kolonialmuseums. Es zeigte den Ausschnitt einer Festung mit gehisster Flagge. Deutschland präsentierte sich auch im Kleinen nun als Militär- und Kolonialmacht. Für das Ausstellungsgelände entwarf Hellgrewe Dioramen für die Kolonialhalle, acht Meter hoch, zehn Meter breit, die u.a. eine Hafenlandschaft in Kamerun zeigten oder den schneebedeckten Kilimandscharo. „Aus dem Hintergrund leuchten die palmenumsäumten weißen Villen der deutschen Ansiedler“, schwärmte der Lokalanzeiger.
„Ursprünglich“, so wird es im Ausstellungskatalog beschrieben, „war nur eine — wenn auch große — Fachausstellung der Berliner Militäreffekten-Industriellen geplant gewesen, deren Vorbereitung mutig durch einige Herren des ‚Vereins Deutscher Militäreffekten-Händler und Fabrikanten in Berlin unter der Führung des Herrn Georg Werner begonnen wurde, und die die Leistungsfähigkeit der Gesamtindustrie auf diesem Gebiete gegenüber der der wenigen glücklichen Monopolinhabern dartun sollte. Bald aber gruppierten sich um die ursprüngliche Absicht weitere großzügige Pläne. Der Gedanke, in einer groß angelegten Kolonialausstellung dem deutschen Publikum die Bedeutung unserer Kolonien zu zeigen und ihm vor Augen zu führen, wie entwicklungsfähig dieselben sind und wie sie unter den Fittichen eines mächtigen Mutterlandes bei richtiger Beachtung dem Vaterlande großen volkswirtschaftlichen Gewinn bringen können, gewann immer mehr an Bedeutung und veranlaßte eine Anzahl weitblickender Kolonialpolitiker, sich unter dem Protektorate des Herzogs Johann Albrecht zu Mecklenburg zusammenzutun und Hand in Hand mit den Vorkämpfern der erstgenannten Idee vorzugehen.“
Im Oktober 1906 tagte der Ehren-, geschäftsführende und Arbeitsausschuss der Ausstellung und befasste sich mit der Finanzplanung. So sollten für Ausstellungsbauten 625.000 Mark eingeplant werden, für Erdarbeiten und Beleuchtung weitere 375.000 Mark. Gehälter, Propaganda, Musik und Dekorationen sollten 481.000 Mark kosten. Dem standen 1.955.000 Mark an erwarteten Einnahmen durch Eintrittsgelder, Platzmieten und Pachten für Restaurantbetrieb und Vergnügungspark gegenüber. Kalkuliert wurde mit 15.000 täglichen Besucherinnen und Besuchern.
Die Ausstellung war für zahlreiche Firmen und Verbände Anlass, sich mit eigenen Projekten zu beteiligen. So berichtet der Friedenauer Lokalanzeiger im November 1906: „Für die ‚Deutsche Armee-, Marine- und Kolonial-Ausstellung Berlin 1907‘ plant der ‚Verein Deutscher Militäreffekten-Händler und Fabrikanten e.V. Sitz Berlin‘ die Veranstaltung einer Kollektiv-Ausstellung in Form einer ‚Deutschen Truppen-Revue‘: Durch eine als ins kleinste Detail gehenden genaue Darstellung deutscher Militär-, Marine- und Beamten-Typen in Original-Figuren wird die Reichhaltigkeit unserer Uniformen und die Pracht der Parade- und Gala-Ausrüstungen den Besuchern vor Augen geführt werden. Zweifellos wird diese Veranstaltung ein imponierendes und fesselndes Gesamtbild der deutschen Uniformen und Ausrüstungswesen geben und gleichzeitig Zeugnis von der Leistungsfähigkeit und Gediegenheit der betreffenden ausstellenden Firmen ablegen.“

