Friedenau und der Kolonialismus (II)

Ansichtsklarte Hauptrestaurant. Foto: Archiv Ulrich Horb

Ansichtsklarte Hauptrestaurant. Foto: Archiv Ulrich Horb

zum 1. Teil
Der Eingang zur Deutschen Armee-, Marine- und Kolonial-Ausstellung (Dumaka)  lag in unmittelbarer Nähe des Bahnhofs Friedenau der Wannseebahn.  „Am Eingang zur Ausstellung in der Rubensstraße erheben sich die beiden Verwaltungsgebäude, deren linkes Post, Telegraphenstation, Feuerwache usw. aufnehmen wird, während das rechte lediglich Verwaltungszwecken der Ausstellung selbst dienen soll“, meldete der Friedenauer Lokalanzeiger vorab in seiner Ausgabe vom 15. Januar 1907. „Eine breite von Ahornbäumen eingefasste Allee führt in gerader Linie zu dem Teil des Geländes, der die große Haupthalle aufzunehmen bestimmt ist. Die Fundamentierungsarbeiten für diesen Riesenbau, der sich binnen kurzem hier erheben wird, sind beendet. Um sich überhaupt einen Begriff von den Größenverhältnissen des Ausstellungsgeländes wie der einzelnen Bauten zu machen, muss man sich einige Zahlen vergegenwärtigen. Das ganze Gelände umfasst etwa 134 Morgen, es ist 850 Meter lang und 400 Meter breit. Die Haupthalle selbst hat die stattliche Frontlänge von 200 Metern. Sie ist 12.000 Quadratmeter groß und übertrifft somit an Ausdehnung selbst die große Ausstellungshalle am Zoologischen Garten.“ Links an die Haupthalle schließt sich die Maschinenhalle an, westlich daran die Kolonialhalle und die Marinehalle“, so der Lokalanzeiger.

„Nur noch wenige Stunden und die große und gewaltige Arbeit ist vollendet, herrlich in seiner erhabenen Pracht steht der Bau da, und alle kommen, ihn anzuschauen“, jubelte der Friedenauer Lokalanzeiger am Vortag der Eröffnung. Eine derartige Ausstellung sei noch nie geboten worden.  „Wohl wurden uns Armeerüstungen, Kleidungen usw. des öfteren in kleineren Ausstellungen, vielleicht auch in Verbindung mit einer größeren Ausstellung gezeigt, wohl haben wir in dem Zeughauseine schöne Sammlung von Kriegsgerät aus alter Zeit, doch der Fortschritt dürfte noch niemals so treffend ins Licht geführt worden sein, wie es diese Ausstellung führen soll. Gleichso ist es mit den maritimen Schaustellungen, und was am meisten wohl Interesse finden dürfte, mit der Kolonial-Abteilung.“

„Man nähert sich am besten mit der Wannseebahn vom Potsdamer Platz und hat dann vom Bahnhof Friedenau nur noch eine kurze, aber wüstenähnliche Sandstrecke bis zu der einfach gehaltenen Ausstellungspforte zurückzulegen“, berichtete das Leipziger Tageblatt vom 16.Mai 1907.  „Menschenmassen säumen die sogenannte Straße, die von Schutzleuten mit Würde freigehalten wird. Man tritt ein und sieht sich vor einem gewaltigen Terrain, an dessen Rändern hallen- und burgartige Holzbrücken ragen.“

Die Ausstellungseröffnung erfolgte am 15. Mai 1907 um 10 Uhr im Beisein der Kronprinzessin und des Herzogs und der Herzogin Johann Albrecht zu Mecklenburg. Das Publikum durfte ab 14 Uhr eintreten. Zwölf Brieftauben stiegen auf, um dem Kaiser die Nachricht von der Eröffnung der Ausstellung zu überbringen. Zum Teil verflogen sie sich allerdings, ihre Nachrichten mussten dem Kaiser nachgesendet werden, berichtete der sozialdemokratische Vorwärts nicht ohne Häme. Fertig geworden war die Ausstellung nicht, in den Tagen nach der Eröffnung mussten noch zahlreiche Arbeiten erledigt werden, Wege befestigt und Holzbauten vollendet werden.

Der Pharus-Verlag hatte einen Plan des Ausstellungsgeländes herausgebracht. Der Eingang befand sich an der Rubensstraße gegenüber der Begasstraße, die direkt vom Bahnhof zur Ausstellung führte. Auf der linken Seite des Geländes befand sich das Kinematographische Theater, dahinter die Marinehalle. Davor, etwas entfernter von der Rubensstraße, befanden sich ein kleiner See und ein größerer mit dem Café Köster. In Richtung Vorarlberger Damm lag die Kolonialhalle, davor die Weinstube von Schlieben. Von  der Kolonialhalle führte der Weg zur Maschinenhalle mit dem Kesselhaus und einem Schornstein. Daneben lag die Feuerwache. Der Weg führte am Stand der Gesellschaft für drahtlose Telegrafie und der Münchener Pschorrbrauerei auf der linken Seite und dem Deutschen Weinhaus auf der rechten zum Hauptweg, der vom Eingang direkt zur Haupthalle Führte. Rechts vom Eingang führte ein Weg zum Vergnügungspark mit Hippodrom, amerikanischen Kriegsspielen, „Wild Afrika“ und einem Kohlen-Bergwerk. Brauereien und Bratwurststände hatten hier ihr Angebot. Noch weiter entfernt von der Rubensstraße gab es eine Arena für militärische Vorführungen. Etwa auf der Höhe der Nathanael-Kirche lagen  auf dem Messegelände das Gebirgsrestaurant v. Heyde und der Ballsalon Kühne.

„Man wird den Besuchern wohl den Beweis liefern, wie weit ‚wir in der Welt voran’ sind, wird ihnen aber fürsorglich verschweigen, um welche enormen Summen das deutsche Volk jährlich erleichtert wird, um alles das bezahlen zu können, ohne daß für die Gesamtheit irgend ein Nutzen herauskommt“, klagte der Vorwärts am Tag nach der Eröffnung der Damuka.

Ansichtsklarte Trefftag der deutschen Delikatessenhändler am Stand von C. Kühne. Foto: Archiv Ulrich Horb

Ansichtsklarte Trefftag der deutschen Delikatessenhändler am Stand von C. Kühne. Foto: Archiv Ulrich Horb

Die Präsentationen der Firmen fanden weitgehend in den großen Hallen statt. In der Haupthalle zeigten deutsche Fabrikanten, die sich mit der Herstellung von Militär-Effekten und Ausrüstungsgegenständen für die Armee, die Marine oder die Kolonialtruppe befassten, ihr Angebot. Mehr als tausend Firmen hatten sich angemeldet. In der Ehrenhalle waren u.a. die Waffen-Ausstellungen der Firma Ehrhardt und der deutschen Waffen- und Munitionsfabriken zu sehen. Das Seidenhaus Michael hatte rechts vom Ehrensaal eine Weberei aufgebaut.

Ansichtsklarte Umzug der 1. Berliner Bauernschänke. Foto: Archiv Ulrich Horb

Ansichtsklarte Umzug der 1. Berliner Bauernschänke. Foto: Archiv Ulrich Horb

„Auch dem Vergnügen soll auf der Ausstellung im weitesten Maße Rechnung getragen werden, und zwar wird das südliche Viertel des Ausstellungsgeländes, das einen Raum von 85.000 Quadratmeter umfasst, den Vergnügungspark aufnehmen“, berichtete der  Friedenauer Lokalanzeiger vorab. „Dieser ist zunächst für die Unterbringung der verschiedenartigen Volksstämme bestimmt, die dem Besucher der Ausstellung einen Einblick in das Leben und Treiben, in die Sitten und Gewohnheiten Eingeborener Afrikas gewähren sollen. Ferner wird eine Arena in einer 3000 Personen fassenden Größe errichtet. Eine Riesen-Freilicht-Dekoration, sowie zwei Illusionen nach Jules Verne werden hier dem Beschauer vorgeführt. Da wird der Besucher der Ausstellung mit dem Unterseeboot „Nautilus“ 20.000 Meter unter dem Meeresspiegel hinabtauchen oder in einem lenkbaren Luftschiff eine „Reise nach dem Mond“ unternehmen. Der Manager der „American-Exhibition-Amusement Co.“, Herr Leo Kronau, ist bereits in Berlin eingetroffen, um die technischen Vorarbeiten für diese hervorragenden, in Berlin noch nicht gesehenen Schaustellungen zu leiten“, so der Friedenauer Lokal Anzeiger am 28.3.1907.

Mit der Eintrittskarte erwarben die Besucherinnen und Besucher zugleich ein Los. Die Gewinne der Lotterie sollten nach dem Ende der Ausstellung gezogen werden. Da der Besuch wegen des schlechten Wetters sehr beeinträchtigt war, so die offizielle Begründung, wurde die Ziehung schließlich auf den 5. und 6. Dezember verlegt. Als Preise waren auch Kunstwerke vorgesehen. Der Friedenauer Kunstmaler Conrad Fehr, künstlerischer Leiter der Damuka, hatte eigens eine Ausstellung mit Ölgemälden, Aquarellen und Plastiken für die Messe organisiert. Letztlich machten aber viele der Gewinnerinnen und Gewinner von der Möglichkeit Gebrauch, sich statt des Kunstwerks Geld auszahlen zu lassen. In einer Bilanz nach Ende der Ausstellung teilte Fehr das finanzielle Ergebnis für die beteiligten Künstlerinnen und Künstler mit: „Für die Lotterie wurden für 27.500 Mark Kunstwerke erworben, von denen für 2000 Mark wirklich abgenommen, während sich die Gewinner von 25.500 Mark mit 90 Prozent in bar abfinden ließen. Aus dieser Summe erhielten die Künstler nur 2550 Mark.“ An der Ausstellung beteiligten sich 216 Künstler mit 740 Werken, für die Platzmiete wurden 12.157,40 Mark berechnet.

Während die Ausstellungshallen um halb 8 Uhr abends schlossen, war der Vergnügungspark bis 24 Uhr geöffnet. 50 Kneipen seien auf dem Gelände zu finden, meldete der Lokalanzeiger.

Ansichtsklarte zur Kolonialausstellung. Foto: Wikimedia

Ansichtsklarte zur Kolonialausstellung. Foto: Wikimedia

In der Ausstellung waren  auch Afrikaner zu sehen. Sie posierten mit ausgestopften oder lebendigen Tieren für die Besucher und die Kameras. Ein nachgebautes afrikanisches Dorf diente als Unterkunft.  Organisiert hatte die Schau der Völkerschau-Impresario Fritz Marquardt (* 1862 in Wesel; † nach 1912).  In einem Fotoatelier konnten Besucherinnen und Besucher der Ausstellung vor kolonialer Kulisse und einem nachgebauten Elefanten posieren.

„Amerikanische Kadetten werden exerzieren und von Völkern aus Wildafrika wird man in einer Arena mit einer Riesen-Freilicht-Dekoration die Gewohnheiten und Gebräuche kennenlernen, sie bei der Arbeit sehen und ihre Haustriere dort vorgeführt bekommen“, versprach der Lokalanzeiger im Vorfeld. Eine Völkerschau wie noch bei der Ausstellung im Treptower Park sei es allerdings nicht mehr gewesen, so die Bewertung der Autorin Anne Dreesbach. Im  Jahr 1900 hatten der deutsche Reichskanzler Chlodwig zu Hohenlohe-Schillingsfürst (1819–1901)  und der Kolonialrat ein Gesetz erlassen, mit dem die „Ausfuhr von Eingeborenen aus den Kolonien zum Zwecke der Schaustellung“ verboten wurde,. Zu den Gründen hatte sich Konteradmiral z. D. Franz Strauch (1846–1928) in der Deutschen Kolonialzeitung geäußert. Dreesbach: „Er merkte an, dass Völkerschauen unabhängig von der Erwerbung deutscher Kolonien schon seit langer Zeit in Deutschland stattfänden und nicht der Bildung des Publikums, sondern dem Gelderwerb ihrer Veranstalter dienten. Gleichzeitig übten Völkerschauen einen schädlichen Einfluss auf die Ausgestellten aus, was das Verhältnis der „Eingeborenen“ zu den Kolonialisten empfindlich schädigen könne und deshalb unbedingt zu vermeiden sei. Der fehlende wissenschaftliche Anspruch der Veranstalter von Völkerschauen und die Sorge der Kolonialherren um den Ruf der Deutschen und die Stimmung in den ‚Schutzgebieten‘ sprachen also entschieden gegen eine Vermischung des Völkerschaugeschäfts mit dem deutschen Kolonialismus.“

Der Friedenauer Lokalanzeiger drückte es  drastischer aus: „Man erklärte dieses Verbot damit, daß die ‚Schwarzen‘, sobald sie hier zu sehr von der Kultur beleckt werden, lüderlich würden.“ So kamen die afrikanischen Vertreter auf der Damuka nicht aus deutschen Kolonien, sondern aus dem französischen Sudan.

Ansichtskarte Kolonialhalle. Foto: Archiv Ulrich Horb

Ansichtskarte Kolonialhalle. Foto: Archiv Ulrich Horb

Die in den Zeitungen gemeldeten  Zwischenfälle  auf der Damuka sagten allerdings auch einiges über die Aufenthaltsbedingungen der Afrikaner und den Umgang mit ihnen aus.  So kam es gleich in den ersten Tagen der Messe zu einem Feuerwehreinsatz im nachgebauten afrikanischen Dorf, da sich die Flammen von einer Feuerstelle ausbreiteten. Der Lokal-Anzeiger: „Die Feuerwehr konnte jedoch nach 15 Minuten wieder abrücken, weil die Schwarzen noch nicht das moderne ‚in Ohnmachtfallen‘ kennen und selbst tatkräftig bereits die größte Arbeit bewältigt hatten.“

Friedenauer Lokalanzeiger April 1907.

Friedenauer Lokalanzeiger April 1907.

Im Juni beklagte der Lokalanzeiger den Verlust der 25jährigen Fatuma-bent-el-Baji, Mitglied der Afrika-Truppe. Die junge Frau verstarb an einem Darmkatarrh und wurde auf dem Schöneberger Kirchhof beigesetzt.

Das Ausstellungsgelände durften die Afrikaner nicht verlassen. Der Friedenauer Lokalanzeiger berichtete am 12. Juni über ein Handgemenge mit den Aufsehern, bei dem 18 Schwarze fliehen konnten. 14 von ihnen brachte die Schöneberger Polizei bis Mitternacht zurück, vier kamen bis zum kommenden Morgen von alleine wieder. Der Lokalanzeiger vermutete als Grund für den Ausbruch „die Liebe“. Leserzuschriften vermittelten in den kommenden Tagen ein etwas anderes Bild des Vorfalls:  Sie wiesen auf die geringe Bezahlung hin und auf das verständliche Interesse, mehr von der Ausstellung und der Stadt sehen zu wollen.

Friedenauer Lokalanzeiger, Aoril 1907

Friedenauer Lokalanzeiger, Aoril 1907

Friedenauer Lokalanzeiger.

Filme gaben in der Ausstellung Einblicke in den Alltag in den Kolonien. So wurde etwa eine Fahrt mit der Tropenbahn gezeigt. Der Lokalanzeiger beschrieb die Szenen: „Das Panorama von Aus zieht vorüber, eine Karawane kreuzt unseren Weg. Wir besuchen das Lager der gefangenen Hottentotten und Herero, sehen die gefangenen Hottentottenweiber zur Wasserstelle wandern, begleitet von einem die Peitsche schwingenden Unteroffizier. Dann wohnen wir einem Gottesdienst der Hottentotten bei, sehen die Kinder bei fröhlichem Spiel und die Herero-Weiber beim Tanz. Noch manche Abwechslung bietet die Fahrt. Ein Militärtransport, reitende Schutztruppen in feldmarschmäßiger Ausstattung, Maultiergespanne mit oft 14-20 Maultieren ziehen vorüber.“

Im Juni 1907 wurden Unregelmäßigkeiten bei der Messe öffentlich. 450 Austeller, so berichtete es der Vorwärts, kamen in der Gebirgsschänke des Ausstellungsplatzes zu einer Protestversammlung zusammen. „Es wurden schwere Vorwürfe gegen die Leitung und die Beamten der Ausstellung erhoben, die voraussichtlich weiter die Gerichtsbehörden beschäftigen werden. Vom Vorstandstische herab sprach u.a. Oberstleutnant v. Rabenau und erklärte, daß die Regierung zwar anfangs die Absicht gehabt habe, sich offiziell an der Ausstellung zu beteiligen, davon aber Abstand genommen habe, es müßten deshalb wohl höhere Gründe vorliegen, welche eine Beschickung dieser Ausstellung von Regierungsseite nichtangängig erscheinen ließen. In der Tat lägen auch so viele Beschwerden von allen Seiten vor, durch die die leitenden Behörden in das bedenklichste Licht gestellt würden. Er rate bei dem Kronprinzen als dem Protektor der Ausstellung vorstellig zu werden, ehe die Öffentlichkeit von ernsteren Dingen Kenntnis erhalte.“  Aus der Versammlung heraus kam dagegen der Rat, die Staatsanwaltschaft anzurufen. Regressansprüche wurden geltend gemacht. Und es erhob sich Protest gegen eine Komiteeverfügung, nach der bereits 800.000 Mark als Reinertrag der Ausstellung an den Invalidendank abgeführt worden seien. Der Inhaber des Ausstellungsbergwerks berichtete, er arbeite mit täglichen Verlusten von 180 Mark, andere Aussteller berichteten über Schäden von 15.000 Mark. Einzelne Aussteller wollten sich angesichts weiterer drohender Verluste von der Ausstellung zurückziehen. Auch der Restaurantbetrieb arbeitete defizitär.

Die angestrebten Besucherzahlen wurden kaum erreicht. Das lag nur zum Teil am regnerischen Wetter. Besucher kritisierten aber auch das „Sammelsurium von Jahrmarktsbuden“ und den „ganzen Friedenauer ‚Ausstellungszauber‘´“. In der „Deutschen Tageszeitung“ fasste das ein Besucher zusammen: „Wie manch anderer, so habe auch ich den großen Tingel-Tangel mit ebenso großer Enttäuschung verlassen, und wenn ich je – was ich sehr bezweifele- noch einmal hinauspilgern würde, so wäre es  – des Amüsements wegen, vielleicht um ein ‚Doppelkonzert‘ zu hören, oder im Fesselballon in die Kirchturms-Regionen zu steigen. Man wird mir einwenden, daß in den drei Hallen auch der ernste Ausstellungsgedanke zur Geltung gebracht sei; gewiß, das bestreite ich nicht, ich will auch gestehen, daß einzelne Maschinen, die Anlagen und Betriebsmittel der Kolonialbahnen und dergleichen mich lebhaft interessiert haben; – aber, meine Herrschaften, um das alles auszustellen, braucht man die Leutchen doch nicht nach Friedenau zu bemühen, das kann man on der Philharmonie, bei Kroll, in der Ausstellungshalle des ‚Zoologischen‘ usw. viel bequemer haben! Was darüber ist, das ist von Übel. Das ganze umfangreiche Beiwerk ist, wie der Berliner zu sagen pflegt, fauler Zauber; dieser, und nicht die Ausstellung erscheint da draußen als die Hauptsache.““

Beendet wurde die Ausstellung am Sonntag, d. 15. September mit einer Preisverleihung. Wenige Tage vor dem Ende zitiert der Friedenauer Lokalanzeiger aus einem Bericht des Vorsitzenden des Preisgerichts Paulus: „Man muß unbedingt sagen, daß Ausstellungsleitung sowohl als Aussteller Mühe, Arbeit und Kosten nicht gescheut haben, um etwas Gutes zu leisten.“ Der Erfolg der Ausstellung sei jedoch nach außen hin nicht der gewesen, der ihr nach ihrer Bedeutung gebührt hätte. Trotzdem sei der patriotische Zweck erreicht worden, „zu der Verbreitung der Kenntnisse von Armee, Marine und Kolonien in weiteren Kreisen beizutragen“.

Die Sächsische Volkszeitung, dem katholischen Zentrum nahestehend,  zieht am 13. September 1907 ein vernichtendes Fazit der Ausstellung: „Die Kolonialausstellung darf als ein ganz verfehltes Unternehmen bezeichnet werden. Nun ist gar noch der Konkurs gegen sie beantragt worden; freilich wurde der Antrag in der letzten Stunde wieder zurückgezogen. So bildet die gesamte Ausstellung ein kleines BIld von dem Zustande, in dem sich manche Zweige der Kolonialverwaltung befanden, ehe man mit der scharfen Kritik einsetzte. In dieser Ausstellung habensehr viele Leute ihr Vermögen eingebüßt. Ein Teil derselben hat sich nun an den Kronprinzen als an den Protektor der Ausstellung gewendet, um von ihm Hilfe zu erhalten, Wenn auch das schlechte Wetter am Mißlingen viel Schuld hat, so ist doch nicht in Abrede zu stellen, daß die Leitung der Ausstellung auch ihren Teil zu verantworten hat.“

Ansichtsklarte zur Kolonialausstellung: Marinehalle. Foto: Wikimedia

Ansichtsklarte zur Kolonialausstellung: Marinehalle. Foto: Wikimedia

„Wenn die Veranstalter ehrlich sein wollen, müssen sie zugestehen, daß sie ein großes Fiasko erlitten haben“, so das Fazit des Vorwärts. „Wir haben das vorausgesagt. Die Hoffnung, mit dieser Ausstellung weite Kreise für den ‚vaterländischen Gedanken‘ zu interessieren, hat sich nicht erfüllt. Die Massen, auf die man spekuliert hatte, blieben aus. Es half auch nichts, daß die Ausstellungsleitung das Unternehmen in den ´letzten Wochen künstlich zu beleben versuchte durch Veranstaltung von Kinderfesten, Schwimmfesten, Abbrennen von Feuerwerk und dergleichen mehr.“ Für den Vorwärts steht der finanzielle Zusammenbruch der Ausstellung fest. Eine große Zahl der Aussteller habe viel Geld verloren, unter ihnen gebe es eine Reihe von „vollkommen zugrunde gerichteter Existenzen“. Der Inhaber des Hauptrestaurants habe sein ganzes Vermögen verloren, berichtet der Vorwärts, ein Schaden von 200.000 Mark.  Die Hausbau-Geselllschaft, die die Ausstellungshallen errichtet hatte, konnte ihre Forderungen nicht eintreiben.

In einer Eingabe wendete sich der Rechtsanwalt Bahn an den Schirmherren der Ausstellung, den Kronprinzen: „Die Ausstellung, welche unter dem Protektorat Euerer Kaiserlichen und Königlichen Hoheit eröffnet worden ist, hat leider nicht so günstige Resultate gezeitigt wie erhofft worden ist. Sie hat vielmehr mit finanziellen Nöten zu kämpfen gehabt. Zahllose Existenzen sind ruiniert worden.“ Als Beispiele nennt der Anwalt die Herren Kronau, Organisator der amerikanischen Kriegsspiele, und Schwarz, Vertreter der Firma Pain aus London, die das Feuerwerk veranstaltet hatte.

Mit dem Ende des 1. Weltkriegs endete auch die kurze Phase des deutschen Kolonialismus. Als im Jahre 1925 in Berlin eine Kulturausstellung zum Kolonialkriegerdank geplant wurde, für die die Überlassung des Fest- und Märchensaales im Rathaus beantragt wurde, entspann sich am 22. Januar 1925 eine heftige Auseinandersetzung in der Stadtverordnetenversammlung. USPD und SPD lehnten die Vorlage ab. Justin Braun (USPD) wies in der Berliner Stadtverordnetenversammlung darauf hin, „wie bei dem Herero-Aufstand unsere Herren Offiziere die Leute niederschießen ließen, wo sie in die Wüste gejagt wurden und als sie zurückkehrten, einfach niedergeknallt wurden…. Die Kultur haben Sie dorthin gebracht mit Maschinengewehren und Kanonen…..  Meine Damen und Herren! Wenn Sie mir versprechen, dass bei dieser Kulturausstellung alles so vorgeführt, wie es geschehen ist — Bitte, Sie können das vorführen, dass erst die Hereros niedergeschossen worden sind und dass hinterher die Hererofrauen und -kinder in die Wüste gejagt wurden und als sie, von Hunger und Durst geplagt wieder zurückkehrten, einfach niedergeknallt wurden. Das ist geschehen.“

Im März 1908 haben die Ausstellungsmacher alles stehen und liegen gelassen und das Gelände der Damuka verlassen. Der Friedenauer Lokalanzeiger: „Trostlos sieht es jetzt auf dem ehemals ‚herrlichen‘ Damukagelände aus und es nimmt Wunder, daß noch nicht von einem größeren Unglücksfall gemeldet wurde. Die recht wackeligen Schornsteine drohen jeden Augenblick einzustürzen, die Seen sind noch nicht zugeschüttet, das Gleiche gilt von den vielfach 15 Meter tief ausgeschachteten Brunnen, Die Ausstellungsleitung ist auch bereits polizeilich aufgefordert worden, das Gelände wieder ordnungsgemäß herrichten zu lassen, doch scheint sie sich wenig daran zu kehren. Hoffentlich wird hier bald Wandel geschaffen und für die Fortschaffung des ‚Damukaskeletts‘ gesorgt.“

Ausstellungen fanden hier nicht mehr statt, das Gelände wurde zur Bebauung  freigegeben. Eine Gartenstadt war geplant.

 

Bildquellen:

  • Wikimedia (Ansichtskarte Afrika-Schau, Hellgrewe)
  • Archiv Ulrich Horb  (AK Marinehalle, AK Hauptrestaurant, AK Kolonialhalle, AK Umzug der 1. Berliner Bauernschänke, AK Treff der Delikatessenhändler, AK Panorama 2, AK Panorama 3

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Über Ulrich Horb

Jahrgang 1955, Journalist und Fotograf in Berlin
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