Kreuzberg 1987: Als Bolle brannte

1987: Abgebrannter Bolle-Supermarkt am Görlitzer Bahnhof. Foto: Ulrich Horb

1987: Abgebrannter Bolle-Supermarkt am Görlitzer Bahnhof. Foto: Ulrich Horb

Ein ausgebrannter Supermarkt, 34 geplünderte Geschäfte, zerstörte Bahnhofsanlagen, umgestürzte Kräne und Bagger, Polizeifahrzeuge und Feuerwehrwagen – das war die Bilanz der Nacht vom 1. auf den 2. Mai 1987 im West-Berliner Bezirk Kreuzberg. Damit hatte die Eskalation der Gewalt  eine völlig neue Qualität erreicht. Folge einer Senatspolitik, die nach außen ein intaktes Berlinbild herstellen wollte, die Probleme im Inneren aber nicht löste, so der Vorwurf der damaligen Opposition von SPD und Alternativer Liste.

Das Konfliktpotential in Kreuzberg war größer als in jedem anderen Bezirk, eine Tatsache, die auch dem Senat bekannt war. Noch 1981/82 hatte es hier auf dem Höhepunkt der Hausbesetzerbewegung erbitterte Straßenschlachten mit der Polizei gegeben, in Kreuzberg gab es die  ersten besetzten Häuser, unzählige Durchsuchungen und Räumungen, in deren Folge es immer wieder zu Demonstrationen, Plünderungen und  Barrikadenbau kam. Im Kreuzberger Südosten sammelten sich Punks und Skinheads, jugendliche Arbeitslose, Sozialhilfeempfänger.

Allerdings gab es einen gravierenden Unterschied zu den Auseinandersetzungen während der Hausbesetzerzeit. Damals, so der Kreuzberger SPD-Kreisvorsitzende Gerd Wartenberg im Mai 1987, hätten Jugendliche und junge Erwachsene sich für eine Sache eingesetzt, für einen Freiraum in einer Gesellschaft, in der sie zu ersticken glaubten, für eine Änderung der Wohnungspolitik, die billigen Wohnraum monatelang leerstehen ließ , um ihn dann abzureißen, für ein neues Lebensgefühl, für ein Zusammenleben in einer gleichgesinnten Gemeinschaft. Und: Damals gab es Strukturen innerhalb dieser Bewegung, es gab Kontakt- und Gesprächsmöglichkeiten.

Zerstörungen nach dem 1. Mai 1987 am Görlitzer Bahnhof. Foto: Ulrich Horb

Zerstörungen nach dem 1. Mai 1987 am Görlitzer Bahnhof. Foto: Ulrich Horb

Noch in der Zeit des Regierenden Bürgermeisters  Hans-Jochen Vogel wurden diese Gesprächsmöglichkeiten genutzt, um friedliche Wege zur Lösung des Konflikts anzustreben,  eines Konflikts, der mit polizeilichen Mitteln gar nicht zu lösen war. Es folgten Legalisierungen besetzter Häuser, es gab auch in der ersten Zeit des CDU-Senats Einigungen, um erhaltenswerte Häuser mit staatlicher Förderung, in Selbsthilfe instandzusetzen.

Allerdings wurden schon damals durch Räumungen viele der gerade entstandenen Strukturen zerstört. Durchgesetzt haben sich damals im Wesentlichen die Studenten und Akademiker innerhalb der Bewegung, die zäh genug für die schwierigen Verhandlungen waren. Auf der Strecke blieben die Trebegänger, die von sich aus nicht das Durchhaltevermögen für solche Projekte mitbrachten. Mit den Räumungen aber wurden sie nur vertrieben, ihre Probleme jedoch nicht gelöst.

Dazu kamen andere, kreuzbergspezifische Probleme. Der Arbeiterbezirk hatte seit eh und je eine hohe Anziehungskraft für alle, die ein wenig anders leben wollten. In den sechziger und siebziger Jahren waren es die „Malerpoeten“, die dem Bezirk ein kulturelles Flair gaben, Künstler, die die billigen Altbaumieten gerade noch erschwinglich fanden, die wie der inzwischen über die Stadtgrenzen bekannte Kurt Mühlenhaupt nebenbei mit  Trödel handelten und abends durch die Kneipen zogen. Viele Ältere blieben in Kreuzberg wohnen, viele Jüngere zog es in den Bezirk. Wer gut verdiente, den führte es bald wieder in bessere Gegenden.

Die Altbauten verkamen, sie wurden an ausländische Familien vermietet, die andere Wohnungen nicht bekamen. Und auch die neuentstandenen Sozialwohnungen im Bezirk wurden zunehmend an Sozialhilfeempfänger vermietet.

Bis zum Mai 1987 hatte sich die soziale Lage im Kiez weiter verschlechtert. Schon Anfang der achtziger Jahre hatte eine repräsentative Untersuchung ergeben, dass in der Wiener Straße im Kreuzberger Südosten das niedrigste Pro -Kopf-Einkommen der ganzen Stadt vorhanden war. Hier und in den anliegenden Straßen stieg die Arbeitslosigkeit weiter an. Hier gab es die jugendlichen Sozialhilfeempfänger, die regelmäßig ihre „Stütze“ holten, genauso wie die „verschämten Armen“, die älteren Bürger, die mit ihrer niedrigen Rente längst Anspruch auf Wohngeld oder Sozialleistungen hatten, die aber den Weg zur Behörde scheuten, wie Kreuzbergs damaliger Sozialstadtrat Waldemar Schulze(SPD) erklärte.

In diesen drei bis vier Quadratkilometern, so Kreuzbergs sozialdemokratischer Jugendstadtrat Günter König 1987, gab es eine derartige Konzentration von sozialen Problemen, dass dem mit normalen Mitteln gar nicht mehr beizukommen war. „Ich kann mit diesen Problemen nicht mehr leben“, erklärte er bitter, „selbst wenn wir die Zahl unserer Sozialarbeiter verdoppeln würden, wäre dem nicht mehr beizukommen.“

Graffiti in Kreuzberg. Foto: Ulrich Horb

Graffiti in Kreuzberg. Foto: Ulrich Horb

Unzählige Selbsthilfegruppen   entstanden, versuchten zu helfen. Aber auch sie konnten nichts mehr auffangen. „Die Jugendlichen hier“, sagte Günter König, „sind dauerarbeitslos. Sie wissen das vielleicht noch nicht, aber sie fühlen es. Den Leuten, die arbeiten können und wollen, haben wir nichts anzubieten. Das lässt sich auch mit noch mehr Projekten und noch mehr Beratung nicht zudecken.“

Berlins letzte sozialdemokratische Senate hatten der sich bereits Ende der siebziger Jahre abzeichnenden Entwicklung noch mit „Wertausgleichsprogrammen“ und „Zukunftsinvestitionsprogrammen“ beizukommen versucht. Unter den christdemokratischen Senaten gab es so etwas nicht mehr. Dabei waren gerade die sozialdemokratischen Stadträte aus Kreuzberg, die mit den Bereichen Jugend und Soziales am dichtesten an den Problemen waren, immer wieder beim Senat vorstellig geworden.

In der Nacht vom 1. auf den 2. Mai 1987 entluden sich diese Probleme nun in den bislang schwersten Krawallen in dieser Stadt. Dabei trug nach Ansicht der oppositionellen Berliner SPD auch der christdemokratische Innensenator Kewenig ein hohes Maß der Mitverantwortung. So hatte die Polizei am frühen Morgen des 1. Mai zunächst einmal das Büro einer Volkszählungsboykott-Initiative im Kreuzberger Mehringhof aufgebrochen, durchsucht und zahlreiche Flugblätter beschlagnahmt. Ein Büro, das dort bereits seit Monaten existierte und arbeitete. Welche Folgen eine solche Durchsuchungsaktion gerade in Kreuzberg auslösen konnte, wo am Nachmittag das traditionelle Maifest auf dem Lausitzer Platz stattfinden sollte, musste der Polizeiführung dabei klar gewesen sein.

Bereits in den vorangegangenen Jahren hatten autonome Gruppen immer wieder, wenn auch vergeblich, versucht, das Maifest als Kulisse für gewalttätige Auseinandersetzungen zu benutzen. Dass Kewenig als Innensenator direkt verantwortlich für diese Aktion wie auch für die folgenden Polizeieinsätze war, hing  mit dem desolaten Zustand der Polizeiführung zusammen. Nach Auseinandersetzungen mit dem (sozialdemokratischen) Polizeipräsidenten Klaus Hübner um eine Dienstreform bei der Polizei hatte dieser seine Entlassung   beantragt. Ein neuer Polizeipräsident war noch nicht gefunden.

Dass der harte Kern der  autonomen Gruppen neue Aktionen plante, konnte Kewenig als zugleich oberstem Dienstherrn des Verfassungsschutzes allerdings auch nicht verborgen geblieben sein. Deutliche Signale hatten da bereits im April die Auseinandersetzungen um den „Kinderbauernhof“ im Südosten Kreuzbergs gesetzt. Dort hatte auf einem Gelände, das vor fünf Jahren besetzt wurde, der Bau einer öffentlichen Kindertagesstatte begonnen. Die bisherigen Nutzer, eine Initiative, die ein Feld bewirtschaftete und zahlreiche Tiere dort angesiedelt hatte, wollte das  Gelände nicht aufgeben. An mehreren Wochenenden hatten bereits autonome Gruppen die Auseinandersetzung mit Barrikaden und dem Umstürzen von Bauwagen angeheizt.

Am 1. Mai 1987 eskalierte der Konflikt  in der Nähe des Kinderbauernhofs. Am späten Nachmittag ging die Polizei, mit gerade 240 ihrer 13.000 Beamten in Kreuzberg angerückt, gegen Gruppen vor, die eine spontane Demonstration zum Kinderbauernhof unternahmen. Zu diesem Zeitpunkt waren noch unzählige Besucher des Straßenfestes anwesend. Die Polizei, hoffnungslos in der Minderheit, setzte Tränengas ein, das nicht nur die „Autonomen“ traf, sondern auch auf anliegende Balkons flog und unbeteiligte Bürger traf.

Eine kurze Pause wurde von den autonomen Gruppen offensichtlich dazu benutzt, sich auszurüsten. Ihre Logistik jedenfalls war danach besser als die der Polizei. Es wurden systematisch Barrikaden errichtet, kleine „polizeifreie“ Zonen geschaffen, schließlich war der halbe Kreuzberger Südosten derart abgesperrt. Die Polizei ging nur vereinzelt dagegen  vor und wurde schnell zurückgeschlagen.

Sie umfuhr das Gebiet, während drinnen Barrikaden angezündet, Ampelanlagen zerschlagen, Fernsprecher  demoliert wurden, Fensterscheiben von Geschäften zu Bruch gingen. Da waren, so die Beobachtung des Kreuzberger SPD-Kreisvorsitzenden Gerd Wartenberg, längst andere als die „autonomen Gruppen“ zugange. Hier tobte sich so etwas wie der Volkszorn aus, quer durch alle Bevölkerungsgruppen. Es waren deutsche und türkische Jugendliche, Arbeitslose, Alkoholiker. Getränkeshops wurden geplündert, in der Nacht ging ein Supermarkt in Flammen auf: Bolle am Görlitzer Bahnhof.

 Fast  vier Stunden war die Polizei überhaupt nicht   in dem geplünderten Gebiet zu sehen. Die Feuerwehr wurde durch Steinwürfe an Einsätzen gehindert. Der Supermarkt zum Beispiel, der nach seiner Plünderung in Flammen aufgeht, lag nur schräg gegenüber von einer der modernsten Feuerwachen in der Stadt. Anwohner flüchteten aus Angst vor dem Feuer nachts um zwei Uhr auf die Straße, auch auf dem benachbarten Hochbahnhof brannte es, Autos gingen in Flammen auf, Spielsalons wurden genauso verwüstet wie türkische Imbissläden oder der  Juwelierladen. Die Geldspeicher von Fernsprechautomaten wurden geknackt, Zigaretten- und Kaugummiautomaten.

Niemand griff ein, niemand konnte mehr beruhigend eingreifen. Immerhin: In einer ersten Bilanz stellten auch die „autonomen Gruppen“ fest, das Ganze sei außer Kontrolle geraten, das Plündern kleiner Läden ein Fehler gewesen: „Wir finden es beschissen, wenn kleine Läden plattgemacht werden, Leute aus dem Kiez zu Schaden kommen und mit Feuer leichtsinnig umgegangen wird“, hieß es in einer Erklärung der Autonomen.

Gerd Wartenberg (l.) und der Architekt Hardt-Waltherr Hämer unterwegs in Kreuzberg. Foto: Ulrich Horb

Gerd Wartenberg (l.) und der Architekt Hardt-Waltherr Hämer unterwegs in Kreuzberg. Foto: Ulrich Horb

Was sich da entladen hatte, hatte nach Ansicht des Kreuzberger SPD-Vorsitzenden Wartenberg eine „völlig neue Qualität“. Noch nie wäre es vorgekommen, dass „ein ganzes Quartier aus den Fugen gerät“. Hemmschwellen wären völlig gefallen, im aufgebrochenen Supermarkt hätten sich nicht nur ein paar Anarchisten bedient, sondern ganz normale Bürger von nebenan mit Anzug und Krawatte. Selbst Kinder, die sich in dieser plötzlich „rechtsfreien Zone“ befanden, brachen Automaten auf und machten selbst am nächst en Morgen noch weiter.

Einen „totalen Verlust aller Werte“ machte auch der damalige SPD-Landesvorsitzende und langjährige Kreuzberger Kreisvorsitzende Walter Momper aus. Bei seinem Rundgang durch das Quartier am Morgen nach dem Krawall stellte er zwar eine „allgemeine Betroffenheit, aber keine Distanzierung“ fest. Da beschwerten sich ältere Anwohner bei ihm darüber, dass aus einem Fleischerladen  ganze Haken mit Koteletts herausgeschleppt worden seien:  „Die dürfen das und wir nicht.“ Oder eine ältere Anwohnerin des ausgebrannten Supermarkts rechtfertigte die Plünderungen: „Das wäre sowieso alles verbrannt.“

Hier kamen nach Mompers  Ansicht viele Momente zusammen. Es waren Leute, die unter der Armutsschwelle lebten, die sich hier bedient hatten. Aber es waren auch Leute, die das Vertrauen in die Politik verloren hatten. Und inzwischen waren es längst nicht mehr nur Jugendliche. Es war die Ohnmacht, die sie empfunden angesichts von Bauskandalen und Bestechungsgeldern, von Umweltzerstörung. Immer wieder begegnete Walter Momper im Kreuzberger Südosten einem Argument, das auch die Autonomen in ihrer Erklärung aufgriffen: „Was sich hier spontan ausdrückte, war der lang angestaute Hass und Wut vieler darüber dass sie immer weniger zu fressen haben und die Bonzen im lCC prassen.“

Tatsächlich hatte gerade die Politik des CDU-Senats in den zwei, drei Jahren zuvor für eine Verschärfung der Konflikte gesorgt. Denn um das  Image der Stadt aufzupolieren, war dem Senat nichts zu teuer. „Sommernachtstraum“ und „Wintermärchen“  waren teure  Touristenattraktionen, von denen die Berliner nur wenig hatten. Auch die Empfänge zur  750- Jahr- Feier im lCC waren den Kreuzbergern ein Dorn im Auge. Gespart wurde dagegen rigoros im sozialen Bereich, bei den Telebus-Fahrten für Behinderte etwa oder beim Stellenplan in sozialen Einrichtungen.  Die, die in der Nacht des 1. Mai unterwegs waren, fühlten sich von diesem Senat schlichtweg vergessen, meinte der SPD- Vorsitzende. Das ließe sich auch mit den Erklärungen Innensenator Kewenigs nicht wegwischen, hier seien „Anti-Berliner“ am Werke gewesen.

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Über Ulrich Horb

Jahrgang 1955, Journalist und Fotograf in Berlin
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