Medien in Berlin: Umbrüche nach der deutschen Einheit

Volksblatt: Letzte Ausgabe als Tageszeitung. Foto: Ulrich Horb

Nach dem Fall der Mauer befand sich die Berliner Medienlandschaft im Umbruch. Auf dem Zeitungsmarkt gerieten die letzten unabhängigen Zeitungen unter den Einfluss von Konzernen, im Hörfunk wurde immer stärker um die Werbeeinnahmen gekämpft, im Fernsehbereich musste sich der öffentlich-rechtliche SFB auf eine lokale Konkurrenz vorbereiten.

Zu den ersten Opfern des schärfer werdenden Konzentrationsprozesses auf dem Berliner Zeitungsmarkt gehörte das traditionsreiche „Volksblatt“ aus dem Bezirk Spandau. In der  Nachkriegszeit von den Briten lizenziert, hatte das Blatt unter dem sozialdemokratischen Lizenznehmer Erich Lezinsky schnell den Weg in die journalistische Unabhängigkeit gefunden und sich als regionale Tageszeitung für Spandau und das Havelland einen guten Ruf erworben. Ende der sechziger Jahre war es von Intellektuellen und Künstlern als Alternative zum marktbeherrschenden Einfluss des Springer-Konzerns entdeckt worden. Kabarettisten wie Wolfgang Neuß hatten sich als Zeitungsverkäufer für die kleine linksliberale Tageszeitung betätigt.

Die Ausdehnung auf den Berliner Markt allerdings mochte nie so recht gelingen, von den kaum mehr als 30.000 Exemplaren blieb auch zuletzt der größte Teil in Spandau. Die Familie Lezinsky, auf der Suche nach potenten Geldgebern für dringend notwendige Investitionen, fand in Berlin im Haus Springer offene Ohren. Aber die 24,9-Prozent-Beteiligung kostete das „Volksblatt“, obwohl die Redaktion ihre Unabhängigkeit betonte, seinen Ruf als liberales Blatt; die Abonnentenschar begann zu bröckeln. Ein Verfahren des Kartellamtes gegen den Einstieg des Springer-Verlages, der bis 1989 fast 80 Prozent des Berliner Zeitungsmarkts beherrschte, verlief nur durch die veränderten Marktbedingungen nach dem Fall der Mauer ergebnislos. Doch zeigte der Springer-Verlag keine Neigung, die steigenden Verluste des „Volksblatts“ auszugleichen, Ende Februar 1992 wurde die Tageszeitung in eine Wochenzeitung umgewandelt, eine Gruppe von eingeflogenen Springer-Journalisten übernahm die Neukonzeption – wohl als Modell für andere kränkelnde Tageszeitungen des Springer-Verlags in Westdeutschland, wie ehemalige Volksblatt-Redakteure vermuteten.

Entlassen wurden nicht nur die Journalisten: Satz und Montage der Wochenzeitung wurden einer Firma aus dem Springer-Umfeld übertragen, schließlich übernahm ein Berliner Druckerei-Konkurrent   sogar die neu angeschaffte Druckmaschine. Zusätzlich wurde die Springer-Beteiligung aufgestockt, da die Konkurrenzsituation auf dem Tageszeitungsmarkt nicht mehr bestand. Die Projekt Wochenzeitung wurde nach kurzer Zeit aufgegeben. Unter dem Titel  „Spandauer Volksblatt“ erscheint seit Juni 1992 ein Anzeigenblatt, wie es zuvor unter dem Titel „Spandauer Anzeiger“ bereits im selben Verlag erschien.  Seit 1994 ist es die Spandauer Regionalausgabe der Anzeigenzeitung „Berliner Woche“.

Kein Ende des Zeitungssterbens

"Super" - Boulevard-Zeitung des Burda-Verlags für den Osten Deutschlands. Foto: Ulrich Horb

„Super“ – Boulevard-Zeitung des Burda-Verlags für den Osten Deutschlands. Foto: Ulrich Horb

Das „Volksblatt“ ist nur ein Beispiel von vielen. Aufgegeben hat neben der umstrittenen Neugründung „Super“ auch Gruner & Jahrs „Kurier am Abend“ als Mittagszeitung, die aus der ehemals im Ostteil verbreiteten „BZ am Abend“ hervorging. Schließen musste auch das „Landblatt“, das von der Umstrukturierung der Landwirtschaft in den neuen Bundesländern getroffen wurde und im Westen keine Leser fand.

Die "Tribüne", ehemalige Zeitung des Gewerkschaftsbundes FDGB wurde 1991 eingestellt. Foto: Ulrich Horb

Die „Tribüne“, ehemalige Zeitung des Gewerkschaftsbundes FDGB wurde 1991 eingestellt. Foto: Ulrich Horb

1991 wurde die „Tribüne“ eingestellt, das 1947 gegründete Zentralorgan des DDR-Gewerkschaftsbundes FDGB, das fünf mal in der Woche erschien. Ihre Abonnentenkartei wurde von der „Neuen Zeit“ gekauft.

"Der Morgen", in der DDR die Zeitung der Liberaldemokratischen Partei. Foto: Ulrich Horb

„Der Morgen“, in der DDR die Zeitung der Liberaldemokratischen Partei. Foto: Ulrich Horb

In der „Neuen Zeit“, der früheren Tageszeitung der DDR-CDU, sahen Medienexperten den nächsten Aspiranten für die Einstellung. Anders als der Springer-Verlag, der das von ihm übernommene Objekt „Der Morgen“, die Zeitung der DDR-Liberalen, überraschend schnell aufgab, bewies der Verlag der „Frankfurter Allgemeinen“ bei der „Neuen Zeit“  mehr Stehvermögen – trotz einer geschätzten Auflage von nur noch 20.000 Exemplaren 1993, von denen rund 40 Prozent in Berlin verkauft werden. Anfang Mai 1993 gab es für zunächst 42 Mitarbeiter, darunter 14 Redakteure, die Kündigung. Das journalistisch gut gemachte überregionale Blatt lohnte sich kaum noch, das bessere Geschäft hatte der Verlag mit dem Erwerb der „Märkischen Allgemeinen“ in Potsdam gemacht, die als Lokalzeitung in ihrem Verbreitungsgebiet nahezu unangefochten war.

"Der Tagesspiegel": Einstieg der Holtzbrinck-Gruppe. Foto: Ulrich Horb

„Der Tagesspiegel“: Einstieg der Holtzbrinck-Gruppe. Foto: Ulrich Horb

In schwieriges Fahrwasser geriet  auch der renommierte „Tagesspiegel“. Schon vor der Maueröffnung war beim   „Tagesspiegel“ der Bau einer neuen Druckerei in Angriff genommen worden. Es war wohl die Hoffnung auf Druckaufträge aus Westdeutschland, auf eine mögliche Kooperation mit der „Süddeutschen Zeitung“, die den Verlag beflügelte. Die „Tagesspiegel“-Herausgeber versuchten den Einstieg in die neuen Medien, starteten im Kabelfernsehen ein Videotextprogramm, beteiligten sich – zusammen mit Radio Schleswig-Holstein – am Nachrichtensender „Inforadio 101“. Verlagsintern wurden sogar Pläne für eine bundesweite Sonntagsausgabe geschmiedet.

Gesamtberliner Zeitungsmarkt unter Druck

Konkurrenz auf dem Zeitungsmarkt: die "Berliner Zeitung aus dem Ostteil der Stadt. Foto: Ulrich Horb

Konkurrenz auf dem Zeitungsmarkt: die „Berliner Zeitung aus dem Ostteil der Stadt. Foto: Ulrich Horb

Nach der Wende wurde klar: Der „Tagesspiegel“ hatte sich bei all dem übernommen. Der Videotext-Versuch wurde eingestellt, auch aus dem kostspieligen Nachrichtensender zog sich der „Tagesspiegel“   wieder zurück. Zudem misslang dem „Tagesspiegel“, wie allen aus dem Westteil kommenden Zeitungen, der Versuch, in nennenswerter Zahl Leser in den östlichen Stadtbezirken und in Brandenburg zu gewinnen, trotz des Aufbaus einer eigenen Lokalredaktion in Potsdam. Die erhofften Druckaufträge blieben aus, und auf dem Gesamtberliner Zeitungsmarkt geriet der „Tagesspiegel“ rasch unter Druck. Ein Verlust von 23 Millionen Mark, so schätzte die IG Medien in einem Mitteilungsblatt, wurde 1992 eingefahren. Letztlich rettete nur der 51prozentige Einstieg der Holtzbrinck-Gruppe das Blatt. Der Redaktion wurde ein harter Sparkurs verordnet, zunächst vor allem zu Lasten der freien Mitarbeiter. Die 27 Mitarbeiter der Tochtergesellschaft „Graphische Werkstätten Grunewald“ erhielten   die Kündigung.

"Berliner Morgenpost", früher vom Springer-Verlag herausgegeben, 2013 an die Funke-Mediengruppe verkauft. Foto: Ulrich Horb

„Berliner Morgenpost“, früher vom Springer-Verlag herausgegeben, 2013 an die Funke-Mediengruppe verkauft. Foto: Ulrich Horb

Unter Druck stand der bürgerlich-konservative „Tagesspiegel“ vor allem durch die „Berliner Morgenpost“ des Springer-Verlags und die von Gruner & Jahr nach der Wende als Joint Venture mit Maxwell Communications  übernommene „Berliner Zeitung“ aus dem Ostteil der Stadt. Seit Mai 1993 war auch Springers „Welt“ mit einem eigenen Lokalteil am Markt.

Doch es waren nicht nur Leserinnen und Leser, die dem „Tagesspiegel“ fehlten. Vor allem auf dem umkämpften Anzeigenmarkt wurde es für ihn eng. Im Ostteil der Stadt dominierte trotz gesunkener Auflagen klar die „Berliner Zeitung“, im Westteil waren  es die Boulevardzeitung „BZ“ und die Abonnementszeitung „Berliner Morgenpost“, die vor allem am Sonntag den Zeitungsmarkt und damit auch den Anzeigenmarkt beherrschten. Ein Markt, in den auch Gruner & Jahr mit seiner ‚Sonntagspost‘, die vorübergehend den regionalen „Kurier am Sonntag“ ersetzte, nicht eindringen konnte.

Die 1949 gegründete "BZ am Abend" wurde 1990 zum "Berliner Kurier". Foto: Ulrich Horb

Die 1949 gegründete „BZ am Abend“ wurde 1990 zum „Berliner Kurier“. Foto: Ulrich Horb

Im Berliner Äther tobte der Konkurrenzkampf nicht weniger stark. Und auch hier waren die Berliner Medien nicht viel mehr als Schachfiguren im Spiel der großen Konzerne. Leidtragender der Entwicklung wurde der öffentlich-rechtliche SFB, der enorm an Hörerzahlen – und damit an Werbeeinnahmen – verlor. Der private Hörfunk-Sender „’Hundert,6’“, gegründet vom Filmemacher Ulrich Schamoni und vom konservativen Chefredakteur Georg Gaffron geleitet, hatte schon 1987/88 eine führende Position eingenommen. Er hatte mehrere Senderneugründungen überstanden, den Alternativsender Radio Hundert genauso  wie einen aus Kreisen von Berliner Immobilienmaklern gegründeten Musiksender. Mit permanenten Höreraktionen suchte er sich nun auch gegen die Konkurrenz der privaten Musiksender RTL und Radio Energy sowie die privatisierten Sender „Berliner Rundfunk“ aus dem Ostteil und „RS2“, dem ehemaligen RIAS 2 aus dem Westteil, zu behaupten.

Private Hörfunksender drängten auf den Markt

1992 wurde ein Umsatz von rund 46 Millionen Mark erzielt, der Konkurrent RTL kam gerade auf 15 Millionen Mark. Hauptsächlich ein rigoroser Sparkurs führte die restlichen Sender in die Gewinnzone. So baute Radio Energy den kostspieligen Wortanteil ab, das von Juni 1993 an im Berliner Äther zugelassene Klassikradio, ein Unternehmen der Bertelsmann-Tochter Ufa, des Spiegel-Verlags und der Polygram, kam gar mit sechs Angestellten in Hamburg und einer Mitarbeiterin in München aus. Schon drängte aber mit Radio Flamingo, das unter anderem vom Berliner Konzertveranstalter Peter Schwenkow finanziert wurde, ein weiterer Bewerber auf den Markt, ein „gehobenes Großstadtradio“.

Und auch aus Brandenburg wollten weitere Privatradios in den Berliner Markt hineinstrahlen. Aus den Kreisen der zugelassenen Sender kam daher die Forderung nach einem Zulassungsstopp für weitere Programme.

Die ehrgeizigste Neugründung, der private Nachrichtensender „Inforadio 101“, wurde am 24. April 1993 abgeschaltet. Aus einem technisch hochmodernen Studio in der City hatte der Sender seit November 1991 rund um die Uhr und mit permanenten Wiederholungen Lokalnachrichten ausgestrahlt. Für die Werbewirtschaft war der Sender unattraktiv. Die anfallenden Verluste in Höhe von zehn Millionen Markt führten zum Ausstieg des selbst ins Trudeln geratenen 40-Prozent-Gesellschafters „Tagesspiegel“. Andere Beteiligungen, etwa der Einstieg des ebenfalls finanziell kriselnden Fernsehnachrichtensenders NTV, zerschlugen sich – mit der Folge, dass auf der Inforadio-Frequenz die Bundespost mit einem Dauerpfeifton einspringen musste. Die öffentlich-rechtlichen Sender SFB und ORB fanden unter dem Druck der Finanzen immerhin zu einer Kooperation, die noch ein Jahr zuvor undenkbar gewesen wäre. So wurde die Jugendwelle „Fritz“ gemeinsam bestritten, der frühere SFB 2 ging in B 2, ebenfalls eine Kooperation mit dem ORB, auf: Lokale Konkurrenz erwuchs dem SFB  im Fernsehbereich.

Während sich die traditionsreiche SFB-Abendschau gegen die „lokalen Fenster“ der Privatsender RTL und SAT 1 gut behaupten konnte, wurde der neue Konkurrent „1A Brandenburg“ – 1993 als „1A Fernsehen“ gestartet – ernster genommen. Denn hinter dem Fernsehsender steckte der Filmemacher Ulrich Schamoni, der mit seiner Hörfunk-Gründung „Hundert,6“ bereits erfolgreich vorexerziert hatte, wie dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk Marktanteile abzunehmen waren. „1A Brandenburg“ wurde aus den Räumen der ehemaligen „Berlin-Information“ am Fuße des Fernsehturms am Alexanderplatz senden. Zwölf Stunden Programm waren vom  24. August 1993 geplant, später sollte rund um die Uhr gesendet werden.

Als Geldgeber hatte Schamoni die US-amerikanische Investorengruppe CEDC, die ein Geschäftszentrum am ehemaligen Grenzübergang Checkpoint  Charlie errichten wollte, und den Time-Warner-Konzern, der schon bei NTV dabei ist, gewonnen. Von seinem erfolgreichen Radiosender, der am lokalen Fenster von SAT 1 „Wir in Berlin“ beteiligt ist, hatte sich Schamoni im Streit trennen müssen. Die Kosten für Schamoni wurden auf 30 Millionen Mark pro Jahr geschätzt. Für das Gebiet Brandenburg-Berlin rechnete das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung 1995 mit Werbeeinnahmen für Fernsehanbieter von rund 90 Millionen Mark. „1A Fernsehen“ – ab 1996 unter dem Namen „Puls TV“ auf Sendung – gab es bis 1997.

An den Werbeeinnahmen wollte der Berliner Alternativ-Fernsehanbieter FAB, der in der Konkurrenz mit Schamoni um  die Ätherfrequenz unterlag und   im Kabelfernsehen blieb, ebenso wie „Wir in Berlin“, SFB, ORB und der Nachrichtensender NTV teilhaben. FAB zum Beispiel auch dadurch, dass das offenbar in der Werbewirtschaft imageschädigende Schwulen-Fernsehprogramm kurzerhand abgesetzt wurde.

Auch die Tageszeitungen   bangten, ob eine Veränderung bei Fernseh-  und Hörfunkwerbung zu ihren Lasten ginge und damit Entlassungen oder gar die Einstellung drohten. Für die hinter Sendern und Zeitungen stehenden Konzerne war es wohl mehr ein strategisches Spiel.

„Tagesspiegel“-Mehrheitseigner Holtzbrinck und Springer („Berliner Morgenpost“, „Welt“, „BZ“, „Bild“) waren neben Filmhändler Kirch (35-Prozent-Eigner bei Springer) Anteilseigner bei SAT 1. Time-Warner war Geldgeber bei Schamoni und NTV, Gruner & Jahr mit seinem „Berliner Verlag“ gehörte ebenso wie der RTL-, RTL 2-, Premiere-, VOX- und Klassik-Radio-Gesellschafter Ufa zum Bertelsmann-Imperium. Auch Pleiten konnten so notfalls in der Familie bleiben.

Mehr zur Berliner Mediengeschichte auf www.fotos-aus.berlin 
Galerie: Berliner Zeitungstitel

Über Ulrich Horb

Jahrgang 1955, Journalist und Fotograf in Berlin
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