Sozialdemokratie in Zehlendorf

Cover Broschüren zur Geschichte der SPD in Zehlendorf

Cover Broschüren zur Geschichte der SPD in Zehlendorf

Die Geschichte der Zehlendorfer SPD von ihren Ursprüngen bis zur Errichtung der Nazi-Diktatur erzählen zwei Broschüren, die im Januar 2026 erschienen und von der SPD-Abteilung Zehlendorf herausgegeben worden sind. Verfasser ist Michael Karnetzki, bis 2023 elf Jahre Stadtrat in Steglitz-Zehlendorf.

Gedenkveranstaltung der Zehlendorfer SPD. Foto: Ulrich Horb

Gedenkveranstaltung der Zehlendorfer SPD. Foto: Ulrich Horb

Die Geschichte der sozialdemokratischen Partei ist vielfältig dokumentiert. „Diese Geschichte wird aber erst dann wirklich lebendig (und vollständig), wenn es sich nicht mehr nur um eine Geschichte der Parteiführerinnen und -führer und von Auseinandersetzungen auf Parteitagen handelt, sondern das normale Parteileben vor Ort mit einbezieht“, beschreibt  Michael  Karnetzki sein Anliegen. Akribisch hat er deshalb Jahresberichte, Protokolle, vor allem aber auch Zeitungsberichte und Adressbücher ausgewertet, die inzwischen, etwa bei der Friedrich-Ebert-Stiftung oder der Zentral- und Landesbibliothek, auch digitalisiert vorliegen. Beide Broschüren verfügen über einen Dokumentenanhang mit ausgewählten Zeitungsartikeln.

Michael Karnetzki, Gedenkveranstaltung der Zehlendorfer SPD. Foto: Ulrich Horb

Michael Karnetzki, Gedenkveranstaltung der Zehlendorfer SPD. Foto: Ulrich Horb

Auch wenn Michael Karnetzki den Beginn der SPD-Geschichte erst auf die Zeit nach Aufhebung des Sozialistengesetzes 1890 datiert, macht er schon zuvor einzelne Wortmeldungen aus. So wirbt der Sozialdemokrat Julis Weiß während der Zeit des Verbots sozialdemokratischer Versammlungen auf einer Versammlung von Konservativen und Anhängern der Fortschrittspartei für die Wahl von August Bebel. Weiß wurde daraufhin verhaftet und aus Preußen ausgewiesen.

1893 triumphierte die SPD bei den Reichstagswahlen, als Fritz Zubeil den Wahlkreis gewann und ihn bis zu seinem Tode 1926 für die SPD, zwischen 1917 und 1922 für die USPD , behauptete. Aufmerksamkeit bekam die Partei auch, als 1900 der sozialliberale Pfarrer Paul Göhre, zuvor mit Friedrich Naumann Begründer des Nationalsozialen Vereins, zur SPD übertrat.

Zehlendorf war für die Sozialdemokratie dennoch ein schwieriges Pflaster, wie ein von Michael Karnetzki zitierter Bericht aus der Parteizeitung Vorwärts vom 5. Oktober 1905 beschreibt. Alte bäuerliche Bevölkerung, Villenbesitzer und Beamte aus der Hauptstadt sind kaum für die Sozialdemokratie zu gewinnen, dazu kommen einige in Zehlendorf lebende Arbeiter, die sich aber eher für die Entwicklungen im nahen Berlin interessieren. Dennoch hat der 1900 im Waldschlößchen gegründete Wahlverein 1905 bereits mehr als 100 Mitglieder. Michael Karnetzki stellt aber auch die schwierigen Bedingungen der Parteiarbeit dar, die Schikannen durch die Polizei, die Bedrohung von Gastwirten, die Veranstaltungsräume zur Verfügung stellen, die Verbote von Versammlungen.

Gedenkveranstaltung der Zehlendorfer SPD. Foto: Ulrich Horb

Gedenkveranstaltung der Zehlendorfer SPD. Foto: Ulrich Horb

Viele Details, Ortsangaben und Illustrationen machen die Geschichte lebendig, manchmal sind es auch die kleinen Fundstücke, wie die Notiz aus dem Vorwärts vom 5. Dezember 1903: „In Zehlendorf geht der Kampf für Ordnung, Religion und Sitte vor sich. Der Kriegerverein hat dieser Tage ein Mitglied ausgeschlossen, weil es bei den Landtagswahlen den Mut gehabt hat, socialdemokratisch zu wählen. Schärfer kämpft der vaterländische Frauenverein in seinem am Orte unterhaltenen Kinderheim. Einzelnen der Kleinen wurde angekündigt, dass sie auf Weihnachtsgeschenke wohl nicht rechnen könnten, weil ihre Väter socialdemokratisch gewählt hätten.“

Die zweite Broschüre zur Zehlendorfer SPD-Geschichte beginnt mit den Kundgebungen für den Frieden im Vorfeld des 1. Weltkriegs und beschreibt die innerparteilichen Auseinandersetzungen um die Bewilligung der Kriegskredite, die in Zehlendorf eher ruhig verlaufen. Allerdings, so Michael Karnetzki: „Wir wissen jedoch, dass im Zehlendorfer Wahlverein Vertreter aller wichtigen Parteiflügel organisiert (oder zumindest hier wohnhaft) waren. Mit den Reichstagsabgeordneten Paul Göhre, Albert Südekum und Eduard David wohnten zentrale Organisatoren der kriegsfreundlichen ‚Wende’ SPD in Zehlendorf und Nikolasssee.“

Michael Karnetzki zitiert die vorhandenen Belege, er erläutert aber auch die   Lücken, die es in der Geschichtsschreibung noch gibt. Innerhalb der Mehrheits-SPD nahmen die Zehlendorfer erst nach Ende des Krieges eine Oppositionsrolle ein, ausgelöst durch den Kapp-Putsch und die Haltung der Parteiführung. Die Position der Zehlendorfer beschreibt der Wahlvereinsvorsitzende Edmund Koelitz in einem Referat, das in der Broschüre weitgehend dokumentiert wird.

Den politischen Kämpfen in der Weimarer Republik ist ein längerer Abschnitt gewidmet, der auch die Wahlergebnisse, die kommunale Arbeit und die handelnden Politikerinnen und Politiker darstellt. Zehlendorf, ab 1920 ein Bezirk von Groß-Berlin, bekommt mit der Onkel-Tom-Siedlung ein architektonisches Baudenkmal.

Ende der zwanziger Jahre erstarken auch in Zehlendorf die braunen Schlägertrupps. Einige Beispiele nennt der Text. Karnetzki: „Deutlich wird, dass auch zu dieser Zeit die Sozialdemokrat*innen offenbar immer noch dachten, der Faschismus, der bereits an der Regierungsmacht war, ließe sich durch Wahlen und einen erfolgreichen Wahlkampf (für die Reichstagswahl am 5. März) besiegen.“

Michael Karnetzki, Geschichte der SPD Zehlendorf Teil 1. Von den Anfängen bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs, Herausgeber SPD-Abteilung Zehlendorf, Berlin 2026, 72 S.

Michael Karnetzki, Geschichte der SPD Zehlendorf Teil 2. Vom Ausbruch des 1.Weltkriegs bis zur Errichtung der Nazi-Diktatur (1914 – 1933), Herausgeber SPD-Abteilung Zehlendorf, Berlin 2026, 80 S.

Beide Broschüren sind gegen eine Spende bei der SPD Zehlendorf erhältlich. Nähere Informationen bei Michael Karnetzki: michael.karnetzki@freenet.de

Über Ulrich Horb

Jahrgang 1955, Journalist und Fotograf in Berlin
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