Wirklichkeitsbeschreiber: Der Künstler Otto Nagel (11)

DDR-Ehrung 1957: Verleihung des Goethepreises an Otto Nagel. Foto: Bundesarchiv, Bild 183-49311-0002 / CC-BY-SA 3.0 via Wikimedia

DDR-Ehrung 1957: Verleihung des Goethepreises an Otto Nagel. Foto: Bundesarchiv, Bild 183-49311-0002 / CC-BY-SA 3.0 via Wikimedia

Die Einschränkungen künstlerischer Freiheit durch die SED werden in den fünfziger Jahren stärker spürbar. Gefordert werden optimistische Bilder, der fröhliche, optimistische Arbeiter beim Aufbau der neuen Gesellschaft.  Otto Nagel, von 1950 bis 1952 und noch einmal von 1954 bis 1956 Vorsitzender des Verbands Bildender Künstler Deutschlands, sucht den Ausgleich. Bekanntheit und Anerkennung über die Grenzen der sowjetischen Besatzungszone helfen ihm dabei. „Die DDR wusste, was sie an diesem Maler hatte. Nagel genoss seit den 1920er-Jahren über alle Richtungsgrenzen hinweg künstlerisch einen ausgezeichneten Ruf“, so Wolfgang Brauer, ehemaliger kulturpolitischer Sprecher der Linksfraktion im Berliner Abgeordnetenhaus, in einer Würdigung Nagels. 

Zwar kritisiert auch Nagel einige künstlerische Entwicklungen in der DDR, aber, so Brauer, „während Otto Winzer ‚Volkslied, Volkskunst und Volkstanz‘ gegen die ,anglo-amerikanische Boogie-Woogie-Kultur‘  beschwor, und Kurt Liebknecht die letzten Reste ,kosmopolitischer Tendenzen‘ an der Weimarer Architekturhochschule zerschmettern wollte (das richtete sich gegen das Bauhaus und den Architekten Hermann Henselmann), reduzierten sich die ‚künstlerischen Verirrungen‘, die Nagel geißelte, im Kern auf Wortführer des späten Dadaismus, wie Kurt Schwitters und Franz Arp. Das waren alte Rechnungen, diese Richtung blieb ihm zeitlebens verschlossen (umgekehrt war das nicht anders). Fast im gleichen Atemzuge verwies Nagel darauf, dass ‚die Naturalisten‘ vom Verein Berliner Künstler seinerzeit ‚ihre Nazibilder malten‘. Walter Ulbricht begann bei diesen Ausführungen offenbar zu kochen.“

Mit der Staatlichen Kommission für Kunstangelegenheiten schafft die SED 1951 eine Kontrollinstitution, die den Kampf gegen Kosmopolitismus und Formalismus und für eine „realistische Methode in der Kunst“ führen soll und sich der Erhaltung des Friedens und der „künstlerischen Überlieferungen des deutschen Volkes“ verschreibt. Otto Nagel gehört zum Beratergremium der Kommission.

Immerhin sollen die Ziele eher mit sanfter Gewalt durchgesetzt werden. Während in der immer stärker stalinisierten SED Kritiker und vor allem ehemalige Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten verfolgt und teils verhaftet wurden, heißt es im Beschluss des 15. Plenums der SED vom Juli 1953: „In der Kunst und in der Literatur ist der ideologische Kampf für den Realismus, gegen alle Erscheinungen der antinationalen, antidemokratischen Dekadenz fortzusetzen, wobei darauf geachtet werden muss, dass die Künstler und Schriftsteller von der Auffassung der Partei über die Entwicklungswege von Kunst und Literatur geduldig überzeugt und ihnen diese Auffassungen in keinem Falle administrativ aufgezwungen werden.“

Die politischen Wirkungsmöglichkeiten Nagels, vielleicht auch die nun von der Partei geforderte Motivwahl beeinträchtigen das künstlerische Schaffen. Von den über 650 Werken Nagels, aufgeführt im 1974 erschienenen Werkverzeichnis von Sibylle Schallenberg-Nagel und Götz Schallenberg, entstehen nur zehn Prozent in der Nachkriegszeit, wie Wolfgang Brauer feststellt. Den 1949 begonnenen Zyklus „Menschen unserer Zeit“ führt Nagel nicht zu Ende.

Otto Nagel, der Kommunist mit Idealen, eckt an.  1952 will er seine Autobiographie unter dem aus seiner Sicht passenden Titel „Maler der Unterdrückten“ veröffentlichen, wie die Kulturhistorikerin Beatrice Vierneisel in ihrem Vortrag zur Eröffnung einer Nagel-Ausstellung im Mitte-Museum 2008 berichtet. Aber die Partei greift ein: „Mit dem Genossen Nagel ist kameradschaftlich und helfend auf dem Boden der Partei über sein Werk ‚Maler der Unterdrückten‘ zu diskutieren. Dabei sind Vorwort, Bildrepertoire und Titel des Werkes den gegenwärtigen Erfordernissen entsprechend zu verbessern.“    Nagels Erinnerungen erscheinen unter dem schlichten Titel „Mein Leben“.

Nagel fügt sich. Von 1952 bis 1954 und 1956 ist er Sekretär der Sektion Bildende Kunst der Akademie der Künste in Ost-Berlin, von 1953 bis 1956 Vizepräsident der Akademie. 1955 klingt er resigniert, als er in einer Diskussion zur Frühjahrsausstellung der Akademie das Wort ergreift: „Man ist ein Maler, man hat Jahrzehnte als Maler auf dem Buckel, man hat seine Arbeit geleistet, man ist seinen geraden Weg gegangen, und nun befindet man sich in der Zeit, die man herbeigesehnt hat, für die man ja mitgekämpft hat, dass sie kommt, und nun hat man das Bedürfnis, mit seiner ganzen Kraft, mit seiner Kunst sich einzufügen, mitzuhelfen, sich mit seiner Kunst dem anzupassen – man tut es ehrlich, man schafft Bilder, die aus der innersten Überzeugung heraus geschaffen wurden – aber nun kommen die Forderungen, und es wird dann gefordert, dass man nicht mehr der ist, der man ist. Man begnügt sich nicht damit, dass man sich in die neue Zeit hineinstellt, dass man die neue Zeit gestaltet, sondern man verlangt auch, dass man nicht mehr mit seinen Augen die neue Zeit sieht – und hier hört es auf, Spaß zu sein.“

Nagel wird – bei aller Skepsis – von der SED gebraucht. 1956 wird er als Nachfolger von Johannes R. Becher zum Präsidenten der Akademie der Künste gewählt. Becher, der die Akademie nach der Amtszeit von Gründungspräsident Arnold Zweig näher an die SED führen wollte, wird 1954 DDR-Kulturminister und zieht sich aus der aktiven Arbeit in der Akademie zurück. Vorsichtige politische Lockerungen nach dem Aufstand vom 17. Juni 1953 werden von der SED bald wieder zurückgenommen, die Partei beharrt auf der ideologischen Führung auch in der Kunst.  Die Entstalinisierung geht mit großem innerparteilichem Misstrauen einher, auch gegenüber Johannes Becher und dem von ihm mitgegründeten Kulturbund, der vom SED-Politbüro des Revisionismus verdächtigt wird. In der Folge verliert Becher den politischen Rückhalt.

Otto Nagel traut man es zu, in der Nachfolge Bechers die prominenten und eigenwilligen Künstlerinnen und Künstler in der Akademie der Künste zusammenzuhalten und auch nach außen für Anerkennung zu sorgen.

alle Beiträge zu Otto Nagel

Quellen:
Otto Nagel, Berliner Bilder, mit einem Vorwort von Walli Nagel, Henschelverlag Berlin (Ost), 1970
Erhard Frommhold, Otto Nagel – Zeit – Leben – Werk, Henschelverlag Berlin (Ost) 1974
Otto Nagel, 48 Bilder mit einem Text von Ludwig Justi Potsdam  1947
Walli Nagel, Das darfst Du nicht, Wedding-Bücher, Berlin 2018
Otto Nagel,  Die weiße Taube oder das nasse Dreieck, Roman, Wedding-Bücher, Berlin 2017
Otto Nagel, Katalog zu den Ausstellungen Februar und April 1966, Ladengalerie Berlin-Charlottenburg
Sibylle Schallenberg-Nagel: Mein Vater Otto Nagel, in:  „Zaubertruhe“, Ein Almanach für junge Mädchen, Der Kinderbuchverlag Berlin (Ost), 1971
Gerhard Pommeranz-Liedtke, Otto Nagel und  Berlin, 228 S.,  Dresden 1964
Wolfgang Brauer,  Hochgeehrt und kaltgestellt. Otto Nagels Biesdorfer Jahre, in: KULTURATION, Online Journal für Kultur, Wissenschaft und Politik 1/2010  http://www.kulturation.de/ki_1_thema.php?id=123
http://www.beatricevierneisel.de/wp-content/uploads/2011/01/Nagel-Vortrag.pdf 

Dank an Salka Schallenberg für ihre Informationen und Hinweise. Mehr auf KulturMD

Foto: Bundesarchiv, Bild 183-49311-0002 /  CC BY-SA 3.0 DE , via Wikimedia Commons

 

Über Ulrich Horb

Jahrgang 1955, Journalist und Fotograf in Berlin
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