Wirklichkeitsbeschreiber: Der Künstler Otto Nagel (12)

Grabstein für Otto und Walli Nagel auf dem Friedhof Friedrichsfelde. Foto: Ulrich Horb

Grabstein für Otto und Walli Nagel auf dem Friedhof Friedrichsfelde. Foto: Ulrich Horb

Otto Nagel, von 1953 bis 1956 Vizepräsident der Akademie der Künste Berlin (Ost) und von 1956 bis 1962 ihr Präsident, nutzt die politischen Spielräume, die sich ihm in dieser Funktion eröffnen. Er sorgt für Ausstellungen seiner Künstlerkollegen Käthe Kollwitz und Heinrich Zille, deren düster-kritische Arbeiten nicht mehr der neuen Zeit zu entsprechen scheinen, er pflegt Kontakte zur West-Berliner Akademie und er bietet Künstlerinnen und Künstlern, die 1953 auf der III. Kunstausstellung in Dresden noch unter ein Ausstellungsverbot fielen, die Möglichkeit, ihre Arbeiten zu präsentieren.

Nagel öffnet die Akademie für die Wanderer zwischen Ost und West wie Otto Dix oder Josef Hegenbarth, der 1955 korrespondierendes Mitglied der Deutschen Akademie der Künste in der DDR wird und ein Jahr später außerordentliches Mitglied der 1954 gegründeten konkurrierenden Akademie der Künste in West-Berlin. Nagel arbeitet mit der West-Berliner Einrichtung, deren Präsident Hans Scharoun ist und deren Mitglieder ihm zum Teil auch persönlich bekannt sind, in künstlerischen Fragen zusammen, etwa als es 1956 um die Restaurierung der Quadriga Gottfried Schadows für das Brandenburger Tor geht. Drei Jahre später kommt es mit der Broschüre „Carl Friedrich Zelter und die Akademie“ über die  Entstehung der Musik-Sektion in der Preußischen Akademie der Künste sogar zu einer gemeinsamen Veröffentlichung beider Akademien.

Als sich Ende der fünfziger Jahre im Ost-Berliner Stadtzentrum ein Abriss der Schinkelschen Bauakademie abzeichnet, wenden sich die Kritiker ganz selbstverständlich an Otto Nagel, von dem sie Verständnis für die historische Bedeutung des Bauwerks erwarten. Aus dem Westen meldet sich der Architekt Max Taut in einem Schreiben an Nagel zu Wort: „Wir sind der Ansicht, dass dieses baugeschichtlich so hochinteressante und unersetzliche Gebäude in seiner äußeren Form unbedingt erhalten bleiben müsste, da es ein Alterswerk von Schinkel ist und überraschenderweise eine Abkehr vom Neoklassizismus bedeutet und in seiner großartigen Einfachheit wegweisend unsere heutige Entwicklung vorausgeahnt hat. Es scheint mir außerdem sehr reizvoll, diesen Außenbau mit einem den heutigen Bedürfnissen und Erkenntnissen entsprechenden zeitgenössischen Innengehäuse zu versehen.“ Nagel folgt der Bitte Tauts und setzt sich bei Ministerpräsident Otto Grotewohl und Kulturminister Alexander Abusch für den Erhalt des Baus ein, für den 1951 noch ein Wiederaufbauplan entwickelt worden war. Die Interventionen haben letztlich keinen Erfolg, die Bauakademie wird 1962 abgerissen und macht Platz für den Neubau des DDR-Außenministeriums.

1958 wird Nagel zum Ehrenmitglied der Akademie der Künste der UdSSR berufen, die ihr einziges deutsches Ehrenmitglied fünf Jahre später mit einer großen Ausstellung ehrt. Nagels Bilder sind Ende der fünfziger Jahre auf Ausstellungen in Amsterdam, Moskau oder Stockholm zu sehen, nur in Westdeutschland und West-Berlin wird die künstlerische Leistung wenig gewürdigt, zu sehr wird in ihm im sich verstärkenden Kalten Krieg der Vertreter der DDR gesehen. Erst im Frühjahr 1966 stellt Otto Nagel in West-Berlin aus. In der Ladengalerie in der Charlottenburger Bleibtreustraße werden im Februar zunächst „Ölbilder und Zeichnungen aus viereinhalb Jahrzehnten“ gezeigt, im April sind die „Berliner Bilder 1933 bis 1965“zu sehen.

Mit der einen Monat nach dem Mauerbau am 15. September 1961 vom Bildhauer Fritz Cremer organisierten und von Otto Nagel verantworteten Akademie-Ausstellung „Junge Künstler“ spitzt sich die kulturpolitische Auseinandersetzung wieder zu. „In dieser Ausstellung“, so Fritz Cremer, „soll ein echtes und umfassendes Bild der jungen sozialistischen Kunst der DDR deutlich werden. In ihrer Verantwortung für die Gesamtentwicklung unseres Kunstschaffens verspricht sich die Deutsche Akademie der Künste hiervon eine allgemeine Anregung und Ermutigung unserer Künstler.“  Beteiligt werden auch Künstlerinnen und Künstler, die sonst eher im Verborgenen wirkten. Von der Jury fordert Cremer Mut. Jurymitglied John Heartfield sieht die Risiken und warnt vor einer Oppositionsausstellung. Die SED-Kulturfunktionäre empfinden die Ausstellung als Provokation, Alfred Kurella, Leiter der Kulturkommission des Politbüros des Zentralkomitees der SED, hängt am Ausstellungstag eigenhändig Bilder ab, die ihm missfallen. Am folgenden Tag werfen ZK-Mitglieder den Ausstellungsmachern auf einer öffentlichen Diskussion vor, die sozialistischen Ziele aus den Augen verloren zu haben. „Die Auseinandersetzung lehrt: mit formalistischen, dekadenten oder sogar modernistischen Gestaltungsmitteln, die aus der spätbürgerlichen Kunst entnommen werden, kann man keine Werke schaffen, die das sozialistische Denken und Fühlen der Werktätigen bereichern, d.h. keine im eigentlichen Sinne sozialistische Kunst“, so Walter Ulbricht auf dem 14. Plenum des ZK der SED im November 1961. In einem nach der Ausstellung erschienenen Katalog wird selbstkritisch eingeräumt: „Die Sektion beabsichtigte, den jungen Künstlern zu helfen: denjenigen, die sich des richtigen Weges bewusst sind, durch eine Bestätigung ihres Wollens; denjenigen, die noch abseits stehen, durch einen heilsamen Anstoß zur Aufdeckung ihrer ideologischen und praktischen Schwierigkeiten. Durch den Ausstellungsteil Junge Künstler/Malerei wurde dieses Ziel nicht erreicht […] Eine Anzahl junger Künstler beteiligte sich, trotz mehrfacher Aufforderung, nicht, darunter gerade solche Maler, die sich ernsthaft um die Gestaltung der entscheidenden Inhalte unserer Epoche bemühen. Die Sektion fand sich mit diesem Ergebnis ab und verhalf dadurch einigen Gemälden, die weder für unsere gesellschaftlichen Verhältnisse noch für die Bestrebungen unserer jungen Künstler typisch sind, zu einer unverdienten Beachtung, die von den Hauptfragen ablenkte.“

Auch für Otto Nagel hat die Ausstellung Konsequenzen. Alexander Abusch, stellvertretender Vorsitzender des Ministerrates und zuständig für Kultur und Erziehung, lädt Nagel einige Wochen später im Februar 1962 zu einem persönlichen Gespräch, in dem er Nagel die ideologischen Gründe erläutert, die für einen Wechsel im Präsidentenamt der Akademie sprechen. Nagel akzeptiert den Wunsch der Partei und führt sein Amt ordnungsgemäß zu Ende. Sein Nachfolger als Akademie-Präsident wird der Schriftsteller Willi Bredel, der die Institution, wie vom ZK der SED beschlossen, zu einer „sozialistischen Akademie“ weiterentwickeln soll. Nagel wird Vizepräsident.

1963 veröffentlicht Nagel seine Monographie über Käthe Kollwitz, Mitte der fünfziger Jahre war bereits sein Buch über Heinrich Zille erschienen, beide sind seine großen Vorbilder. Sein letztes Selbstbildnis nennt er 1963 „Der alte Maler“.

„Mein Schaffen wurde ein Wettrennen mit der Vernichtung“, sagt Otto Nagel über seine „Berliner Bilder“, die im Bombenhagel des Zweiten Weltkriegs entstanden und 1954 in der Deutschen Akademie der Künste ausgestellt wurden. „Dass Du die Pastelle unserer Stadt Berlin vor ihrer Zerstörung gemalt hast, zeigt größtes künstlerisches und politisches Bewusstsein. Und sie sind herrlich“, hat ihm Hanns Eisler geschrieben.  So wie Otto Nagel sich verpflichtet sah, in Bildern möglichst viel von der Altstadt festzuhalten, als die Bomben auf Berlin fielen, so macht er sich 1965 daran, den vom Abriss bedrohten Fischerkiez in Pastellen zu dokumentieren. Es ist seine letzte größere Arbeit. Am 12. Juli 1967 stirbt Otto Nagel in Berlin-Biesdorf.

1970 wird Otto Nagel – gemeinsam mit Heinrich Zille – Ehrenbürger Berlins. Als die Ehrenbürgerlisten von Ost- und West-Berlin 1990 vereint werden, bleibt seine Ehrenbürgerschaft wegen des „herausragenden Berlin-Bezugs“ bestehen.

Ab 1973 gab es am Märkischen Ufer 16 und 18 das Otto-Nagel-Haus, das einen Teil seiner Werke zeigte und über sein Leben informierte. 1995 zog das Bildarchiv der Stiftung Preußischer Kulturbesitz in das Haus ein.

Der West-Berliner Bezirk Wedding ehrt seinen Künstler am 26. September 1974 mit einer Gedenktafel am Geburtshaus von Otto Nagel in der Reinickendorfer Str. 67.  Walli Nagel ist zur Enthüllung der Tafel aus Ost-Berlin gekommen. 1984 stiftet der Bezirk einen Otto-Nagel-Preis. Die 2007 geschlossene Kommunale Galerie im Wedding trug einige Jahre lang den Namen Otto Nagels. Von Walli Nagel konnte der Bezirk einige Werke erwerben.

Drei Schulen in Berlin und Brandenburg sind nach Otto Nagel benannt.

Nach dem Tod von Otto Nagel stellt seine Ehefrau Walli einen größeren Bestand von Arbeiten Nagels für das eigens eingerichtete Otto-Nagel-Haus am Märkischen Ufer zur Verfügung, entzieht sie dem Museum allerdings später im Streit wieder. Nach dem Tod von Walli Nagel 1983 sieht sich die Tochter Sibylle mit einer Forderung des DDR-Finanzministeriums konfrontiert, das 1,6 Millionen Mark an Erbschaftssteuer verlangt. Die Familie tritt schließlich 300 Bilder an den Staat ab. 1998 scheitert ein Restitutionsverfahren. Enkeltochter Salka Schallenberg hat sich um eine Wiederaufnahme des Verfahrens bemüht und zum Streit um das Erbe Otto Nagels recherchiert. Ein Film  des MDR berichtet darüber.

Quellen:
Otto Nagel, Berliner Bilder, mit einem Vorwort von Walli Nagel, Henschelverlag Berlin (Ost), 1970
Erhard Frommhold, Otto Nagel – Zeit – Leben – Werk, Henschelverlag Berlin (Ost) 1974
Otto Nagel, 48 Bilder mit einem Text von Ludwig Justi Potsdam  1947
Walli Nagel, Das darfst Du nicht, Wedding-Bücher, Berlin 2018
Otto Nagel,  Die weiße Taube oder das nasse Dreieck, Roman, Wedding-Bücher, Berlin 2017
Otto Nagel, Katalog zu den Ausstellungen Februar und April 1966, Ladengalerie Berlin-Charlottenburg
Sibylle Schallenberg-Nagel: Mein Vater Otto Nagel, in:  „Zaubertruhe“, Ein Almanach für junge Mädchen, Der Kinderbuchverlag Berlin (Ost), 1971
Gerhard Pommeranz-Liedtke, Otto Nagel und  Berlin, 228 S.,  Dresden 1964
Wofgang Brauer,  Hochgeehrt und kaltgestellt. Otto Nagels Biesdorfer Jahre, in: KULTURATION, Online Journal für Kultur, Wissenschaft und Politik 1/2010  
http://www.kulturation.de/ki_1_thema.php?id=123  http://www.beatricevierneisel.de/wp-content/uploads/2011/01/Nagel-Vortrag.pdf  https://gfzk.de/wp-content/uploads/2002/01/Heidi-Stecker_Texte-Lab-II_Harald-Metzkes.pdf

Dank an Salka Schallenberg für ihre Informationen und Hinweise. Mehr auf KulturMD

Über Ulrich Horb

Jahrgang 1955, Journalist und Fotograf in Berlin
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