Wirklichkeitsbeschreiber: Der Künstler Otto Nagel (4)

Ansicht des Weddingplatzes.

Ansicht des Weddingplatzes.

Walentina Nikitina ist 1925 21 Jahre alt  und auf dem besten Weg, Schauspielerin zu werden. Aufgewachsen ist sie in bürgerlichen Verhältnissen in St. Petersburg, der Stadt, die nun – nach der Revolution – Leningrad heißt.  Walentinas  Vater ist drei Monate vor ihrer Geburt verstorben, auf der Mutter ruhte die Last, für Walentina und ihre fünf Brüder zu sorgen. Walentina wächst umgeben von 3000 Büchern auf, Musik, Theater und Literatur wecken ihre Leidenschaft, nur beim Zeichnen kann sie bei sich keine Begabung erkennen.

Die Revolution erlebt sie aus nächster Nähe, mit viel Sympathie für die Bolschewiki, aber immer wieder auch geplagt von Hunger und Not. Nur langsam  verbessert sich die Versorgungslage.

Als die von Otto Nagel mitorganisierte deutsche Kunstausstellung  in Leningrad eröffnet wird, geht es in Russland gerade wirtschaftlich etwas aufwärts. „Man konnte wieder Brot, Kleider, Schuhe kaufen“, erinnert sich Walentina Nikitina später.  Umso verstörender wirken manche der ausgestellten Werke. Es sind realistische Bilder zu sehen, Menschen gekennzeichnet von Not und Armut. All das, „was wir eigentlich gar nicht mehr sehen wollten“, so Walentina Nikitina.

Auch die sowjetischen Kulturfunktionäre, die den „heroischen Realismus“ zum Vorbild erklärt haben,  sehen die deutsche Ausstellung kritisch. Aleksei Fedorov-Davydov, sowjetischer Kunsthistoriker und zwischen 1929 und 1934 Leiter der Abteilung für moderne sowjetische Kunst an der Tretjakow-Galerie: „Mag sein, dass die deutsche Gegenwart tatsächlich so ist, aber muss sie auch in der revolutionären Agitation der Kunst so sein? Nicht abstraktes Entsetzen, nicht die Selbstauflösung im Alptraum, sondern einen harten Willen, eisernen Protest und Mut muss derjenige besitzen, der die Augiasställe der Gegenwart säubern will.“

In der Ausstellung begegnet die junge Schauspielerin Otto Nagel, der Führungen veranstaltet und die Werke erläutert. Er ist der erste Deutsche, den sie trifft. Sie spricht kein Deutsch, er kein Russisch. Aber mit dieser Ausstellung, so notiert sie viele Jahre später, findet sie nicht nur Zugang zur neuen deutschen Kunst, „sondern auch die tiefe Liebe zu einem wunderbaren Menschen“. Noch in der Sowjetunion heiraten Otto Nagel und Walentina Nikitina. Sie wissen wenig voneinander, als sie die Sowjetunion gemeinsam verlassen und nach Berlin fahren.

Der berühmte Künstler, so die erstaunte Walli,  hat kein großzügiges Atelier, er lebt am Wedding in der Schulstraße 102. Sie gingen, so beschreibt es Walli Nagel in ihren Erinnerungen, durch einen „fürchterlichen Hof die Treppen nach oben bis in die zweite Etage“.  Eine Tür führt in eine kleine Küche, in der Paul, der Wohnungseigentümer und Schwager von Walli Nagel, sitzt. Eine kleine Stube mit zwei schmalen Fenstern ist Schlafzimmer, Wohnzimmer und Atelier, hier lebt auch Lotte, Nagels Tochter aus erster Ehe, die 1930 durch Freitod stirbt.

Cover Walli Nagel, "Das darfst Du nicht"

Cover von Walli Nagels Erinnerungen „Das darfst Du nicht“, erschienen im Verlag Walter Frey.

„Unser Anfang war eine Wohnung voller Wanzen, voller Zeichnungen und Studien, denn für seine großen Ölbilder fertigte Otto Nagel immer erst Vorzeichnungen an. Wenn wir keine Kohlen hatten, dann wurden die Zeichnungen verbrannt – aber damals verstand ich noch nicht, dass wir etwas Wertvolles vernichteten.“

Otto Nagel arbeitet an dem großformatigen Zyklus Proletariat. In dieser Zeit, so erinnert es Walli Nagel, entstanden in der Schulstraße für die geplante Arbeit viele, viele Skizzen. „Schwangergehen“ nennt er das.

Otto Nagel in einem Rückblick 1952: „Ich liebte immer den Wald, die Wiese, das Wasser, die Berge, aber es drängte mich nie, diese Dinge zu malen. Von Beginn an stand der Mensch und seine Umgebung im Mittelpunkt meines Schaffens… Erst in der späteren Entwicklung trat dann mehr und mehr der einzelne Mensch in den Vordergrund, der typische Mensch, der gleichzeitig den größten Teil der Masse verkörpert … Meine Porträts malte ich entweder in den Wohnungen der Dargestellten, in den Hinterzimmern von Kneipen, oder ich schleppte die Modelle in mein Atelier.“

Der mit Nagel befreundete Heinrich Zille schreibt im Juli 1924 anlässlich einer Ausstellung Nagels: „Die düstere Welt der Geknechteten und Versklavten – Die elenden Quartiere der sonnenlosen Mietskasernen- die staubige Straße zur Erholung- die Rummelplätze, die Freude der heranwachsenden Jugend – wüste Schnapsschenken – üble Tanzsäle- Nachtasyle- Arme Menschen mit verstörten vergrämten Gesichtern – ausgemergelte, ausgesaugte Arbeitsinvaliden, hohläugig, erblindet – teilnahmslos vor sich hinstarrend – lallende Betrunkene – frierende Bettler hinter Schutthaufen der Fabriken und Zäune – die geschminkte Dirne mit flackernden Augen im Licht der Bogenlampen, Hunger und Sinnlichkeit – all das hat uns Otto Nagel in seinen Bildern gezeigt – Erschütternd grau in grau – düster. Berlin N. Dort lebt O. Nagel und erlebte es von klein an. Fabrikarbeiter, kränklich, nicht in Zeichenschulen nach Gipsköpfen und staatlich ausgesuchten Modellen gebildet – das Elend was er sah und sieht hat ihn zum Maler gemacht – er klagt an. Alles düster, trüb, grau – auch die Holzrahmen der Bilder grau – arm. Und doch, ich sah etwas freudige Farbe – die mit roter Pomade gefärbten Lippen der kleinen, verkümmerten 16jährigen Straßendirne! Rote Farbe? – Nun so weiter.“

zur Folge 5

Quellen:
Otto Nagel, Berliner Bilder, mit einem Vorwort von Walli Nagel, Henschelverlag Berlin (Ost), 1970
Erhard Frommhold, Otto Nagel – Zeit – Leben – Werk, Henschelverlag Berlin (Ost) 1974
Otto Nagel, 48 Bilder mit einem Text von Ludwig Justi Potsdam  1947
Walli Nagel, Das darfst Du nicht, Wedding-Bücher, Berlin 2018
Otto Nagel,  Die weiße Taube oder das nasse Dreieck, Roman, Wedding-Bücher, Berlin 2017
Otto Nagel, Katalog zu den Ausstellungen Februar und April 1966, Ladengalerie Berlin-Charlottenburg
Sibylle Schallenberg-Nagel: Mein Vater Otto Nagel, in: „Zaubertruhe“, Ein Almanach für junge Mädchen, Der Kinderbuchverlag Berlin (Ost), 1971
Gerhard Pommeranz-Liedtke, Otto Nagel und  Berlin, 228 S.,  Dresden 1964

Dank an Salka Schallenberg für ihre Informationen und Hinweise. Mehr auf KulturMD

Über Ulrich Horb

Jahrgang 1955, Journalist und Fotograf in Berlin
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