Wirklichkeitsbeschreiber: Der Künstler Otto Nagel (5)

Turiner Straße 10, Wohnhaus von Otto Nagel ab 1926. Foto: Ulrich Horb

Turiner Straße 10, Wohnhaus von Otto Nagel ab 1926. Foto: Ulrich Horb

Viele Werke Otto Nagels sind während der NS-Zeit und im Krieg zerstört worden oder gelten als verschollen. So das 1918 entstandene Ölgemälde „Volksversammlung“, das bis 1933 im Karl-Liebknecht-Haus der KPD hing. Es zeigt eine Menschenmenge, die einem Redner lauscht, der mit hochgerissenen Armen vor einer strahlenden Lichtquelle steht. Dynamisch drängen die Menschen zu ihm. Im Vordergrund steht ein Mann in der Menge, der ein Kind im Arm hält, das sich an ihn klammert. Als Kopfbedeckung trägt der Mann einen Hut, wie ihn auch Otto Nagel auf einem 1919 entstandenen Selbstbildnis trägt. Verschollen ist auch der 1920 entstandene Blick aus einem Fenster  in einen Hinterhof mit einem Arbeiter, „Am Wedding“ betitelt. Oder das Bild „Arbeiterbrautpaar“, 1926 fertiggestellt und einst im Besitz des Museums Stettin:  helle Gesichter vor dunklem Hintergrund mit starrem, wenig zuversichtlichem Blick.

„Das Malen ist mir keine Sache der Äußerlichkeit“, so Otto Nagel in einem Rückblick. „ich muss den Menschen, den ich malen will, kennen, muss um sein Leben wissen, um ihn überhaupt richtig sehen zu können. Das Erleben gibt ja dem Menschen erst sein Aussehen und prägt seine Art… Dass ein Maler wie ich, dessen Schaffen eng mit der Arbeiterbewegung verbunden ist, keinen geraden Weg gehen konnte, ist klar. In all dem lebte ich und malte meine Bilder, immer in dem Bewusstsein, dass die große Befreiung der Armen und Ausgebeuteten kommt.“

In der engen Wohnung in der Schulstraße bei seinem Bruder Paul findet Otto Nagel kaum Raum zum Malen. An großformatige Ölgemälde, wie sie Nagel gerne malen möchte,  ist gar nicht zu denken. Mit einer Petition wenden sich 50 Berliner Künstlerinnen und Künstler, darunter Asta Nielsen, Käthe Kollwitz, Heinrich Zille, Hans Baluschek, an die Stadt, um ausreichenden Wohnraum für Otto und Walli Nagel einzufordern.

Turiner Straße 10. Foto: Ulrich Horb

Turiner Straße 10, Wohnhaus von Otto Nagel ab 1926. Foto: Ulrich Horb

Nahe dem Leopoldplatz, in der Turiner Straße 4, bekommen sie tatsächlich eine eigene Wohnung. Das Haus trägt heute die Hausnummer 10. Walli Nagel in ihren Erinnerungen: „Endlich im Herbst 1926 zogen wir in unser eigenes Heim in der Turiner Straße ein. Eine Altbauwohnung, zwei Zimmer im vierten Stock und Millionen von Wanzen, aber uns störte das nicht, und der Optimismus meines Mannes färbte auch auf mich ab.“

Sie kratzen die Tapete herunter, isolieren, kaufen auf Abzahlung zwei Couches, eine für Lotte. Der Maler El Lissitzky schenkt Otto Nagel eine Staffelei. Sie bekommen einen dreibeinigen Tisch, stützen ihn mit Büchern ab. Viele Gäste sitzen fortan an diesem Tisch, Künstlerinnen Künster, Kritiker.

Die neue Wohnung hat einen langen Korridor, eine kleine Küche, eine Berliner Stube mit Fenstern zum Hof. Acht Jahre später werfen Nazis bei einer Haussuchung Bilder Nagels aus diesem Fenster auf den Hof.

Das Atelier ist immer dunkel, Nagel malt bei Gaslicht. Es gibt eine zweite Stube mit Fenster zur Straße, die Wohn- und Schlafraum ist. Vom Balkon aus geht der  Blick zum Garnisonsfriedhof.

Die resolute Walli Nagel  sorgt dafür, dass Otto Nagel Farbe, Pinsel und Leinwände zum Malen hat.  Sie fährt zum Kaufhaus Tietz am Alexanderplatz, dringt bis zum Direktor vor und schildert die Notlage ihres Mannes: „Helfen Sie meinem Mann, er hat kein Malmaterial, aber er hat eine Einladung für die Frühjahrsausstellung der Preußischen Akademie der Künste. Es ist eine große Chance für ihn, und nur Sie können uns helfen!“  Das Kaufhaus Tietz liegt zwischen der heutigen Dircksenstraße (damals Straße am Königsgraben) und der Alexanderstraße. Seine Kundschaft kommt überwiegend aus dem Osten Berlins, es sind die weniger zahlungskräftigen Arbeiterfamilien.

Ansichtskarte Alexanderplatz.

Ansichtskarte Alexanderplatz mit dem Kaufhaus Tietz. Foto: Archiv Ulrich Horb

Tatsächlich sorgt der Warenhausdirektor dafür, dass Otto Nagel mit Malutensilien versorgt wird: 15 Meter Leinwand, über 80 Pinsel, viele Ölfarben. Damit entsteht im Winter 1926 das Bild „Feierabend“, das zusammen mit dem Porträt seiner Mutter im Frühjahr 1927 in der Ausstellung der Akademie gezeigt wird. „Feierabend“ zeigt einen langen Zug von Menschen, die das Fabrikgelände verlassen, es ist das erste einer Reihe großformatiger Bilder, die alle über zwei Meter breit sind und erst durch den Umzug in die Turiner Straße möglich werden. Es folgt das Bild „Parkbank“, das Max Liebermann augenzwinkernd als  „das beste Bild auf der Ausstellung – nach meinen“ bezeichnet. Auf der Parkbank vor dem Altersheim sitzen zwei Männer und zwei Frauen, erkennbar müde, zu ihren Füßen spielt ein Kind. Weitere Werke sind der „Arbeitsnachweis“, „Frauen im Park“, „Kartoffelesser“, „Urnenbegräbnis“,  „Laufenlernen“ und „Briefträger“, die gemeinsam mit weiteren Motiven , so plant es Nagel,  „einen Zyklus ergeben sollten, der als Ganzes das Leben des Großstadtarbeiters von der Geburt bis zum Tode schildern wollte“.

zur Fortsetzung (Teil 6)
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Quellen:
Otto Nagel, Berliner Bilder, mit einem Vorwort von Walli Nagel, Henschelverlag Berlin (Ost), 1970
Erhard Frommhold, Otto Nagel – Zeit – Leben – Werk, Henschelverlag Berlin (Ost) 1974
Otto Nagel, 48 Bilder mit einem Text von Ludwig Justi Potsdam  1947
Walli Nagel, Das darfst Du nicht, Wedding-Bücher, Berlin 2018
Otto Nagel,  Die weiße Taube oder das nasse Dreieck, Roman, Wedding-Bücher, Berlin 2017
Otto Nagel, Katalog zu den Ausstellungen Februar und April 1966, Ladengalerie Berlin-Charlottenburg
Sibylle Schallenberg-Nagel: Mein Vater Otto Nagel, in:  „Zaubertruhe“, Ein Almanach für junge Mädchen, Der Kinderbuchverlag Berlin (Ost), 1971
Gerhard Pommeranz-Liedtke, Otto Nagel und  Berlin, 228 S.,  Dresden 1964

Dank an Salka Schallenberg für ihre Informationen und Hinweise. Mehr auf KulturMD

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Über Ulrich Horb

Jahrgang 1955, Journalist und Fotograf in Berlin
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