Wirklichkeitsbeschreiber: Der Künstler Otto Nagel (8)

Badstraße 65 im Wedding, ab 1935 wohnten hier Otto und Walli Nagel. Foto: Ulrich Horb

Badstraße 65 im Wedding, ab 1935 wohnten hier Otto und Walli Nagel. Foto: Ulrich Horb

Die dreißiger Jahre bringen für Otto Nagel viel Anerkennung, aber auch persönliche und politische Rückschläge. Mit knapp 15 Jahren nimmt sich Lotte, die Tochter des Künstlers, 1930 das Leben.  Ihre Traurigkeit hat Käthe Kollwitz in mehreren Kreidezeichnungen festgehalten.  Lotte scheitert, so umschreibt es Salka Schallenberg, die Enkeltochter Nagels, „an dem sie umgebenden Milieu“. Otto Nagel verarbeitet den Freitod in Bildern.

1931 entsteht das Bild einer Weddinger Familie, das die Spaltung der Arbeiterbewegung in den Porträts der Familienmitglieder zeigt. Der junge Mann ist Jungkommunist, der Vater Sozialdemokrat, die Mutter bei der Internationalen Arbeiterhilfe, der Großvater Sozialdemokrat, die Tochter interessiert an Kunst, der zweite Sohn Arbeitersportler, die zweite Tochter mit einem Deutschnationalen verheiratet. Vor 1933 ist das großformatige Werk ein einziges Mal auf der großen Berliner Kunstausstellung zu sehen.

1931 organisiert Otto Nagel die Ausstellung „Frauen in Not“, die vom 9. Oktober bis 1. November im Haus der Juryfreien am Platz der Republik 4 in Berlin zu sehen ist. Er steuert fünf Bilder bei, darunter das seiner Mutter im Altersheim. „Was der Maler Otto Nagel, gestützt auf die etwas bourgeoise Einrichtung eines Ehrenkomitees mit gewichtigen Namen, zusammengebracht hat, geht unverblümt von sozialpolitischer Tendenz aus“, stellt die bürgerliche Vossische Zeitung in ihrer Kritik fest. Die dreifache Belastung als Arbeitende, als Frau und Mutter könne durch gemeinsames Handeln überwunden werden, so der Tenor der Ausstellung. „Immerhin ist zu vermerken“, so die Vossische Zeitung, „in welchem Umfang und mit welcher Leidenschaft die radikale Linke künstlerische Mittel mobilisiert, im Theater, im Roman, im Film, im Chorgesang, und neuerdings eben auch in der bildenden Kunst – während die feindliche Ultra-Schwester zur Rechten von solchen Dingen überhaupt nichts weiß.“ Wesen und Verdienst dieser Ausstellung beruhen nach Einschätzung des Kritikers darauf, dass sie von selbst „über den propagandistischen Vorstoß“ erheblich hinauswachse. „Das Roh-Thematische, die sture Stofflichkeit, das schreiende Programm fehlen nicht. Doch sie werden zurückgedrängt von einem überraschenden Anmarsch großer Qualität und aufleuchtender Nachwuchsbegabung. Wo Käte Kollwitz einen ganzen Raum mit der Herrlichkeit ihres zeichnerischen Werkes füllt, wo Lithographien von Barlach, Gemälde von A. W. Dreßler, Werner Scholz, Schmidt-Rottluff, Baluschek, Büttner, Heinrich Ehmsen, Zeichnungen von Herbig, Aquarelle von Breinlinger in Gruppen auftreten, wo man sich von Kokoschka, von Max Beckmann, Leo v. König, Jankel Adler Frauenbilder von Rang ausbat und sich, um ins Internationale auszuschweifen, Werke von Chagall und sogar von Munch sicherte – ist das Niveau ohne weiteres verbürgt.“ Die „Vossische“ lobt Nagels Zusammenstellung: „Von dieser Schau, die in der äußeren Anordnung ganz kunstlos, völlig dilettantisch hergerichtet ist, können wir viel lernen. Sie beweist mit prachtvollem Gelingen, was erreicht werden kann, wenn man sich unverzagt in den Strom des rings brausenden Lebens stürzt.“

Otto Nagel selbst hat 1931 eine Einzelausstellung in der Kunsthandlung Victor Hartberg am Lützowufer. Ein Jahr später organisiert er zum 65. Geburtstag von Käthe Kollwitz eine Ausstellung ihrer Werke in Moskau und Leningrad.

Nagel kämpft gegen den Nationalsozialismus. „Nun kamen die Zeiten, wo mein Mann gerade als Kommunist immer mehr gebraucht wurde und er seine Malerei, wie er selbst sagte, ,an den Nagel‘ hängen musste“, so Walli Nagel in ihren Erinnerungen.  Die schärfer werdende Auseinandersetzung bringt ihm als verantwortlicher Redakteur der Satirezeitschrift „Eulenspiegel“ immer mehr Prozesse ein. Auf den Berliner Straßen marschieren SA und SS.

Nagels Arbeit und sein Engagement finden Anerkennung: Am 30. Januar 1933 wird Otto Nagel zum Vorsitzenden des Reichsverbandes Bildender Künstler in Deutschland gewählt. Die Nazis annullieren diese Wahl später. Für Nagel beginnt eine Zeit der Verfolgung und Drangsalierung. Schon kurz nach dem Reichstagsbrand stürmen zehn, zwölf uniformierte Nazis die Wohnung der Nagels in der Turiner Straße. „Sie kamen in unsere Wohnung, nahmen Bilder von den Wänden, auch Bilder, die an der Wand standen, eine wunderbare Totenmaske von Karl Liebknecht (der Originalabguss), all das flog aus dem offenen Fenster auf den Hof“, so Walli Nagel. „Damit es schneller ging, zerschlugen sie das große Berliner Fenster, und noch mehr flog hinaus. Wir waren wie versteinert, vor Entsetzen konnten wir nicht protestieren.“ Einige Bilder und Bücher werden mitgenommen. Drei Tage nach  der Stürmung der Wohnung geht Walli Nagel in das Lokal der SA- und SS-Leute und kann tatsächlich die Herausgabe der mitgenommenen Bilder erreichen.

1934 verhängen die Nationalsozialisten gegen Nagel ein Malverbot im Atelier. Nagel konterkariert das Verbot: Er geht mit der Staffelei auf die Straße, in die Kneipen „Zur großen Molle“, „Zum nassen Dreieck“, „Zum Alten Fritz“, in alte Höfe.  Pastelle, vor allem Ansichten aus dem Wedding, entstehen. Die Leute bleiben auf der Straße stehen und sehen, wie schön es hier ist, so Walli Nagel.  In Galerien sind seine Bilder nun nur noch im Ausland zu sehen: In  Amsterdam und Den Haag werden Arbeiten von Nagel, Zille und Käthe Kollwitz ausgestellt.

1935 ziehen die Nagels in die Badstraße 65. Otto Nagel gründet eine private Malerschule, um finanziell über die Runden zu kommen und organisiert die erste Atelierausstellung.  Die Verfolgung durch die Nazis verschärft sich. an. 1936 wird Nagel in das Konzentrationslager Sachsenhausen gebracht. „Aus unserem Atelierfenster sah ich die schlanke, schmale Figur meines Mannes in der Ferne verschwinden“, schreibt Walli Nagel.  27 seiner Werke werden als „entartet“ aus öffentlichem Besitz beschlagnahmt.

Curt Liebknecht, befreundeter Architekt und Enkel von Wilhelm Liebknecht, gibt Walli Geld für zwei Monate Mietrückstand, als Otto Nagel verhaftet wird und der Vermieter mit Kündigung droht. Walli Nagel kämpft für die Freilassung ihres Mannes, hat schließlich Erfolg.  Sybille Schallenberg: „Nach seiner Entlassung entstand das Pastell „Zwei Stunden nach der Entlassung aus dem KZ“, ein erschütterndes Bild: In den Augen steht das grauenvoll Erlebte geschrieben, der Kopf ist kahlgeschoren.“

Otto Nagel will nicht ins Exil gehen. Er gibt Malunterricht. Es ist eine Zeit der inneren Emigration. In Vitt auf Rügen entstehen Pastelle. Nagel mischt Grundierungen und Farben selbst an.  Zwischen 1939-1945 entstehen seine Altberliner Bilder, überwiegend Pastelle. „Ich bin froh, dass ich sie noch gemalt habe – die alte Stadt am Ende – wie ich es ja auch bin, dass ich die alte Mutter porträtierte, bevor sie für immer fortging“, sagt er später. Er malt den Ausblick, den er aus dem Fenster in der Badstraße auf die Badstraße hat.

1943 weichen Walli und Otto Nagel nach Forst/Lausitz aus, dort wird Tochter Sibylle geboren. 1944 wird Nagels Atelier in Berlin durch Bomben zerstört.  Viele seiner Arbeiten sind nur in Reproduktionen erhalten. Sibylle Schallenberg spricht von 80 Prozent der Arbeiten, die zerstört sind.

(wird fortgesetzt)

Quellen:
Otto Nagel, Berliner Bilder, mit einem Vorwort von Walli Nagel, Henschelverlag Berlin (Ost), 1970
Erhard Frommhold, Otto Nagel – Zeit – Leben – Werk, Henschelverlag Berlin (Ost) 1974
Otto Nagel, 48 Bilder mit einem Text von Ludwig Justi Potsdam  1947
Walli Nagel, Das darfst Du nicht, Wedding-Bücher, Berlin 2018
Otto Nagel,  Die weiße Taube oder das nasse Dreieck, Roman, Wedding-Bücher, Berlin 2017
Otto Nagel, Katalog zu den Ausstellungen Februar und April 1966, Ladengalerie Berlin-Charlottenburg
Sibylle Schallenberg-Nagel: Mein Vater Otto Nagel, in: „Zaubertruhe“, Ein Almanach für junge Mädchen, Der Kinderbuchverlag Berlin (Ost), 1971
Gerhard Pommeranz-Liedtke, Otto Nagel und  Berlin, 228 S.,  Dresden 1964

Dank an Salka Schallenberg für ihre Informationen und Hinweise. Mehr auf KulturMD

Über Ulrich Horb

Jahrgang 1955, Journalist und Fotograf in Berlin
Dieser Beitrag wurde unter Wedding abgelegt und mit , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.