Friedenau 1933 bis 1945

Cover Friedenau 1933 - 1945

Cover Friedenau 1933 – 1945

Es sind kurze Texte, kleine Erinnerungen, Notizen, Zeitungsberichte. Erzählt wird in einem kleinen Büchlein der Edition Friedenauer Brücke, erschienen 2011, die Geschichte des Stadtteils Friedenau im Nationalsozialismus, in den Jahren 1933 bis 1945, eingeteilt in die Kapitel: Die Normalität des Schreckens – Krieg und Untergang – Die Stunde Null.

Manche der Autorinnen und Autoren sind bekannt, manche nicht, einige sind Zeitzeugen, andere schauen als Historiker auf die Ereignisse und die Zeit. Zusammen ergibt sich aus den knapp 80 Beiträgen ein einigermaßen dichtes Bild, das den sich verändernden Alltag im Nationalsozialismus beschreibt. Ein umfangreicher Anhang erläutert die Entstehung und die Herkunft der Texte und gibt so weit möglich, Informationen zu den Autorinnen und Autoren. Erst mit diesem Wissen um die Perspektive werden manche Texte verständlich und können eingeordnet werden.

Deutlich wird in den Erinnerungen und Notizen die Veränderung in der Gesellschaft, die Festigung der Macht der Nationalsozialisten. Erst sind es einzelne Überfälle auf Andersdenkende, dann wird daraus systematische   Verfolgung.

Erinnert wird etwa an die Wirtin Anna Röder, die 1933 in ihrem Lokal in der Rubensstraße von SA-Leuten ermordet wurde. Rosalinde von Ossietzky erzählt von der Zeit mit ihrem Vater, der später im KZ ums Leben kam. Die Schriftstellerin Ingeborg Drewitz beschreibt – mit Auszügen aus ihrer Erzählung Lebenslehrzeit – ihre Jugend in Friedenau. Die Widerstandskämpferin Greta Kuckhoff berichtet von der Verhaftung durch die Gestapo. Andere Berichte schildern den Alltag aus Sicht eines Friedenauer Schülers, die ersten Bombennächte 1943, das Schicksal Ausgebombter. Oskar Dahlke hat die Zeit im Haus Stierstraße 19 zu Papier gebracht.

Die Geschichte des Stadtteils wird durch die Erzählungen lebendig, aber nicht verklärt. Anpassung und Widerstand werden sichtbar, mitunter auch Fatalismus. Friedenau war kein homogener Stadtteil, war, wie Rainer Sandvoß in seiner Einleitung feststellt, auch keine „Stütze der Weimarer Republik“. National-konservativ eingestellte Beamte lebten hier und machten Friedenau vor 1933 zu einer Hochburg der NSDAP, aber, so Sandvoß, nach 1933 verfiel die Bewohnerschaft auch nicht der totalen NS-Gleichschaltung. Dieses differenzierte Bild vermittelt auch die Auswahl der Texte für das von Hermann Ebling und Evelyn Weissberg herausgegebene Lesebuch.

Hermann Ebling und Evelyn Weissberg  (Hrsg.) Berlin Friedenau 1933 – 1945 – Ein Lesebuch, Edition Friedenauer Brücke 2011, 284 S.,

Über Ulrich Horb

Jahrgang 1955, Journalist und Fotograf in Berlin
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