Fast schaut man heute ein wenig neidvoll auf die Vielfalt der Geschäfte, die es im Friedenau des beginnenden 20. Jahrhunderts gab. Nicht nur in den Hauptstraßen reihte sich ein Schaufenster an das andere, auch in den kleinen Seitenstraßen gab es Einkaufsmöglichkeiten, Handwerksbetriebe, Lokale. In der Edition Friedenauer Brücke erschien 2010 der von Hermann Ebling zusammengestellte Bildband „Friedenauer Geschäfte 1900 bis 1914“, eine umfangreiche Sammlung von Fotografien.
Dabei sah es zu Beginn der Besiedlung von Friedenau in den 1870er Jahren gar nicht danach aus. Einkäufe und auch Baumaterialien mussten mühselig aus Nachbargemeinden oder aus Berlin herangeschafft werden. Erst die Einrichtung einer Busverbindung verschaffte etwas Erleichterung. Aber das kleine Friedenau wuchs schnell. 1874 wurde die Erhebung zur Landgemeinde Friedenau genehmigt, nun wurde an der Wannseebahn eine Haltestelle eröffnet. 1881 wurde der Wochenmarkt auf dem Lauterplatz (heute: Breslauer Platz) eingerichtet.1899 waren bereits mehr als 10.000 Einwohnerinnen und Einwohner in Friedenau beheimatet, es gab 47 Gastwirte, 18 Colonialwarenhändler, ebenso viele Bäcker, 43 Schneider, 31 Schuhmacher, 7 Friseure und die Wohlthatsche Buchhandlung in der Rheinstraße 11, aber auch schon 4 Juweliere und Uhrengeschäfte wie das von Hans Lorenz in der Rheinstraße 55. Und die Entwicklung geht bis zum Beginn des 1. Weltkriegs weiter, 1914 sind schon 111 Gastwirte und 48 Colonialwarenläden im Adressbuch verzeichnet. In der Rheinstraße 14 hat ein Kino eröffnet.
Von dieser Entwicklung zeugen die Bilder stolzer Geschäftsinhaber, die vor den Eingangstüren ihrer Läden stehen, von Gastwirten, die die in ihre Steh-Bier-Halle oder Destillation einladen, des auf Kundschaft wartenden Friseurs. Die Straßenszenen geben einen Überblick über die Vielfalt der Geschäfte mit ihren Werbetafeln und Plakaten , auf denen – täglich frisch – gespickte Hasen oder Delikatessen für den Weihnachtstisch angeboten werden, sie zeigen die abwechslungsreiche Bebauung mit den zahlreichen Vorgärten und die Schatten spendenden Straßenbäume.
Der Bildband bietet einen umfangreichen und spannenden Einblick in den Friedenauer Alltag vor mehr als hundert Jahren.
Hermann Ebling, Friedenauer Geschäfte 1900 bis 1914, Edition Friedenauer Brücke, Berlin 2010, 132 S.,
