Medienkonzentration: Das Ende des „Volksblatts“

"Volksblatt Berlin": Morgenzeitung für die ganze Zeit. Foto: Ulrich Horb

„Volksblatt Berlin“: Morgenzeitung für die ganze Stadt. Foto: Ulrich Horb

1989 baute der Springer Verlag seine marktbeherrschende Stellung in West-Berlin weiter aus. Mit einer Beteiligung von 24,9 Prozent am linksliberalen „Volksblatt“ erreichte er nun bei den Tageszeitungen einen Marktanteil von über 80 Prozent. Die Beteiligung des Springer-Verlags löste bei vielen in der Stadt und nicht zuletzt bei den Redakteuren des „Volksblatts“ Sorgen um die publizistische Vielfalt in der Stadt aus. Drei Jahre später wurde das „Volksblatt“ eingestellt.

Bekanntgegeben wurde die Springer-Beteiligung 1989 in einer gemeinsamen Erklärung von Springer und der „Volksblatt“-Verlegerfamilie Below-Lezinsky einen Tag vor Fronleichnam. Die Ankündigung überraschte nicht nur die Volksblatt-Belegschaft. Denn die rechtskonservativen Tageszeitungen des Springer-Verlags und das linksliberale „Volksblatt“ passten auf den ersten Blick kaum zusammen. Dem „Volksblatt“ kam zudem bislang in der Leserschaft vor allem sein Image entgegen,  konzernungebunden zu sein und als letzte Zeitung einer alteingesessenen Verlegerfamilie einer nahezu übermächtigen Konkurrenz entgegenzustehen.

"Volksblatt": der Zusatz "Berlin" fiel in den neunziger Jahren weg. Foto: Ulrich Horb

„Volksblatt“: der Zusatz „Berlin“ fiel in den neunziger Jahren weg. Foto: Ulrich Horb

Der Zeitungsmarkt Berlin wurde durch die Spaltung der Stadt und den Kalten Krieg geprägt. Die Insellage der Stadt machte eine weitere Verbreitung unmöglich, Zeitungen aus dem Westteil der Stadt wurden im Ostteil verboten.  Allein der SPD-nahe „Telegraf“ hatte 1946 rund ein Drittel seiner Auflage von 400.000 Exemplaren in die sowjetische Besatzungszone verkauft. Selbst nach der Blockade hatten die West-Berliner Zeitungen noch zahlreiche Grenzgänger als Käufer. Das endgültige Aus kam mit dem Mauerbau 1961.

Das „Volksblatt“ überlebte den Konzentrationsprozess auf dem Berliner Zeitungsmarkt in einer Nische. Während schon 1963 der „Tag“ eingestellt wurde, Ende 1966 dann der „Kurier“, im Sommer 1972 die der SPD nahestehenden Tageszeitungen‘ „Nachtdepesche“ und „Telegraf“, schließlich dann Ende Januar 1981 der „Abend“, hatte sich das „Volksblatt“ als Zeitung für den stets auf seine Eigenständigkeit achtenden Bezirk Spandau behauptet.

Lizenzträger des „Volksblatts“ war im März 1946 Erich Lezinsky geworden, vor der Machtübernahme durch die Nazis letzter SPD-Spitzenkandidat in Spandau. Aus dem Verbund der SPD-Zeitungen hatte sich Lezinsky schnell wieder zurückgezogen. Nach seinem Tod hatte seine Frau Ingrid Below-Lezinsky den Betrieb fortgeführt. Das Stammkapital von 750.000 Mark hatte bis zuletzt in den Händen der Familie gelegen.

Das „Volksblatt“ hatte mehrere Chancen, von der Konzentration in Berlin zu profitieren. Als Ende der sechziger Jahre die Studentenproteste gegen die marktbeherrschende Stellung Springers ihren Höhepunkt erreichten, erkoren Intellektuelle wie Günter Grass und der Kabarettist Wolfgang Neuß das „Volksblatt“ zu ihrer Zeitung, schrieben dafür und betätigten sich gar zeitweise als „Zeitungsjungen“. Aber der erhoffte Erfolg blieb aus, wohl auch, weil notwendige Investitionen unterblieben. Und stets hatte das „Volksblatt“, für viele Ältere noch immer die „Spandauer Zeitung“, die Sorge, dass  die Berliner Morgenpost des Springer-Verlags das bürgerliche Volksblatt-Publikum mit einen Lokalteil für den Bezirk Spandau abspenstig machen könnte. Die direkte Konfrontation mit dem Springer-Verlag wurde daher von der Verlegerfamilie stets vermieden.

Stagnation bei der Auflage

Erst nach der Einstellung der Boulevardzeitung „Abend“ wagte man 1981 den „Sprung nach Berlin“. Zunächst wurde das „Spandauer Volksblatt“ in „Volksblatt Berlin“ umbenannt, dann der Berlin-Teil ausgeweitet. Aber auch damit gelang keine nennenswerte Auflagensteigerung. Denn die beschränkten personellen und finanziellen Mittel machten es der Redaktion schwer, umfassend zu berichten, dpa-Texte füllten weite Teile des Politik- und Wirtschaftsteils, auch der Lokalteil konnte nie den Anschein der Vollständigkeit vermittelt, wie es etwa dem „Tagesspiegel“ gelang. Dieser, wie das „Volksblatt“ konzernungebunden, konnte seine Auflage trotz eines deutlichen Rechtsrucks zu Beginn der achtziger Jahre noch steigern.

Ende der achtziger Jahre kehrte er wieder zu einer eher liberalkonservativen Grundlinie zurück und war damit eine noch stärkere Konkurrenz für das „Volksblatt“. Eine Werbeaktion, die das „Volksblatt“ 1987  startete, blieb ebenso ohne Resonanz wie neue Gestaltung und erneute Ausweitung des Berliner Lokalteils. Zu schaffen machte dem „Volksblatt“ nun vor allem, dass die älteren Stammleser aus Spandau starben, neue Leser aber nicht gewonnen worden waren. Die Auflage von kaum mehr als dreißigtausend Exemplaren ließ wenig Spielraum. Inzwischen hatte das Volksblatt nur noch wenig mehr als die Hälfte er früheren Leser in Spandau, ohne anderswo nennenswert dazugewonnen zu haben. In manche der übrigen elf Berliner Bezirke gingen nur um die tausend Exemplare. Ob sie die Nachfrage befriedigten, wusste allerdings nicht einmal die Geschäftsführung des Volksblattes. Denn den Vertrieb und damit die in Verkehr gebrachte Auflage regelte die „Vertriebsvereinigung“, die wiederum zum Springer-Konzern gehörte. Und während etwa Spandauer Zeitungshändler schon mal im Verlag anriefen und um Nachschub baten, war das „Volksblatt“ im restlichen Berlin in solchen Fällen schlicht „ausverkauft“.

Volksblatt: Letzte Ausgabe als Tageszeitung. Foto: Ulrich Horb

Volksblatt: Letzte Ausgabe als Tageszeitung. Foto: Ulrich Horb

Während das „Volksblatt“ in den achtziger Jahren in ein neues Satzsystem investiert hatte, wurde  die Druckerei nicht modernisiert. Dabei trugen die beiden alten Maschinen mit zum Überleben des Verlages bei. Denn hier wurden nicht nur das“ Volksblatt“ und zwei ebenfalls dem Lezinsky-Verlag gehörende Anzeigenblätter gedruckt, sondern auch zahl reiche andere Druckerzeugnisse. Die AL-Parteizeitung  „Stachel“ ebenso wie die SPD-Zeitung „Berliner Stimme“, die CDU-Stadtteilzeitung für Charlottenburg genauso wie das SPD-Blatt für Wilmersdorf. Aber auch die Berliner Ausgabe der „Tageszeitung“ wurde hier gedruckt, Gewerkschaftszeitungen wie der „ÖTV-Dialog“ und die Zeitung des Landjugendrings „Blickpunkt“, alles Blätter, die die Kooperation mit dem „Volksblatt“ vor allem auch gesucht haben, weil sie einen konzernungebundenen Verlag und mithin eine linksliberale Tageszeitung unterstützen wollten.

Mit der Springer-Beteiligung hatte sich diese Absicht nun erledigt. Die Aufstockung des Stammkapitals, die durch die Beteiligung möglich wurde, sollte dem Verlag Lezinsky die Finanzmittel zur Verfügung stellen, die zum Ausbau und der Modernisierung der Druckerei notwendig waren.   Eine moderne Druckerei lag ganz im Interesse des Springer-Verlags. Seine Druckkapazitäten in der Stadt reichten nämlich nicht mehr aus, um die Anzeigenblätter für verschiedene Bezirke drucken zu können. Diese Druckaufträge mussten nun nicht ins Bundesgebiet verlagert werden.

Der Anteil der Springer-Zeitungen auf dem Berliner Tageszeitungs-Markt überstieg mit der  Beteiligung die 80-Prozent-Marke. Der Springer-Verlag war darüber hinaus mit Anzeigenblättern  und seiner Beteiligung am Fernsehen SAT 1 auf dem Berliner Markt vertreten. In einer Vereinbarung zwischen Lezinsky und dem Springer-Verlag wurde dem Volksblatt redaktionelle Unabhängigkeit zugesichert. Der Springer-Verlag, um Imagepflege bemüht, hatte   noch einmal durch seinen Sprecher Heiner Bremer erklären lassen, es sei Ehrgeiz des Springer-Verlages, „solche Blätter zu erhalten“. Dafür sprächen auch wirtschaftliche Erwägungen.

Aus dem Hause Springer sickerte durch, dass die Familie Below-Lezinsky den Kontakt gesucht hätte. Dennoch hatte das Kartellamt angekündigt, es werde prüfen, ob der Einfluss Springers auf das bisherige Familienunternehmen nicht über die Beteiligung von 24,9 Prozent hinausreiche. Das wäre auch die einzige Grundlage für das Amt, einzugreifen. Denn die 24,9-Prozent-Beteiligung lag knapp unter der magischen Grenze von 25 Prozent, bei der das Kartellamt von sich aus hätte eingreifen können. Und das Ergebnis einer solchen regulären Prüfung, daran ließ Kartellamts-Sprecher Hubertus Schön keinen Zweifel, wäre ein klares Nein gewesen.

Volksblatt-Chefredakteur Hans Höppner setzte in einem Kommentar am Tag nach der Bekanntgabe der Beteiligung auf die „Redlichkeit aller Beteiligten“. Es werde auch darauf ankommen, das Vertrauen in die Arbeit der Volksblatt-Redaktion bei den Leserinnen und Lesern zu bewahren. Allerdings überwog in der Redaktion die Skepsis. Die Folgen wären nur schwer abschätzbar, erklärten die Redakteure. „Niemand kann uns Redakteurinnen und Redakteure im Moment der Sorge entheben, dass das“ Volksblatt“ möglicherweise sanft und schleichend, aber sicher, in den Springer-Konzern eingegliedert wird“, hieß es in einem Brief an die Leserinnen und Leser“,  der zwei Tage nach Vertragsschluss in der Freitagsausgabe erschien. Mit dem Einstieg des Medienriesen Springer seien nicht nur die Redaktion, sondern auch die „Volksblatt“-Leser vor vollendete Tatsachen gestellt worden, so die Erklärung der Redaktion. Und die Redakteure stellten die Frage, die auch die Leserinnen und Leser am meisten bewegt und inzwischen zu den ersten Abonnementskündigungen geführt hatte: „Wird die redaktionelle Linie möglicherweise verlassen?“ In einem Zeitungsbetrieb gebe es keine rein wirtschaftlichen Entscheidungen. Langfristig schlage dies auch auf die publizistische Linie durch. Eine Eingliederung in den Springer-Konzern aber ginge „nur gegen uns“, versicherten die Redakteure.

Dabei lag die eigentliche Gefahr für das „Volksblatt“ und damit für die Meinungsvielfalt der Stadt gar nicht   in einer vordergründigen Einflussnahme auf die redaktionelle Linie des Blattes, sondern im Interesse Springers an der Druckerei. Während in die Technik investiert wurde, blieb für die Redaktion alles beim Alten.  Die Honorare der freien Mitarbeiter lagen bereits  weiter unter dem Durchschnitt, etablierte Fotografen und Autoren waren damit nicht zu gewinnen.  So konnte das „Volksblatt“ auf dem Berliner Zeitungsmarkt redaktionell nicht mithalten.

Der Journalisten-Verband in Berlin fragte  in einer Stellungnahme, ob die Mittel für eine Kapitalerhöhung wirklich nur in der Kochstraße (dem Sitz des Springer-Verlags) zu bekommen gewesen wären. Insider wollten von einem anderen Interessenten wissen: Der Bertelsmann-Verlag soll sein Interesse daran bekundet haben, in Berlin Fuß zu fassen. Allerdings wollte er offenbar eine Mehrheit am Verlag erwerben und hätte damit dann tatsächlich seinen Einfluss auf die Gestaltung und die Linie des Blattes geltend machen können. Andererseits  zeigt das Beispiel der alternativen „Tageszeitung“, die ein neues Domizil in der Kochstraße schräg gegenüber vom Springer-Verlag bezieht und dort weitere Ausbaupläne hegt, dass es auch andere Finanzierungswege gab, wenn sie ernsthaft und mit dem notwendigen Mut gesucht wurden.

Verlegerin Below-Lezinsky  malte auf einer Betriebsversammlung ein düsteres Bild vom Zustand des Verlages. Das Fortbestehen, diesen Eindruck nahmen die Redakteure jedenfalls mit, sei nur eine Frage von Monaten gewesen. Springer sei Retter in der Not gewesen. Auch die betroffenen Journalisten räumten ein, dass die Garantieerklärung Springers für die redaktionelle Unabhängigkeit das Mögliche dessen darstellte, was in dieser Situation zu erreichen gewesen sei. Allerdings wurde   stärker die Forderung nach politischen Rahmenbedingungen und der gesetzlichen Verankerung von Redaktionsstatuten erhoben, um unabhängig von wirtschaftlicher Konzentration die Meinungsvielfalt zu erhalten.

Zwar spielte der persische Teppichhändler Hossein Sabet, letzter Eigentümer des „Abend“,  Anfang 1989 noch einmal mit der Idee,  mit dem alten Zeitungstitel wieder auf dem Markt zu erscheinen.  Allerdings war – bis auf die „Tageszeitung“  – Neugründungen nicht viel Glück beschieden. Die gewerkschaftlich orientierte „Neue“ schaffte es genauso wenig wie eine Gruppe von Abschreibungsfachleuten, die Anfang der achtziger Jahre eine Montagszeitung herausbrachten.

Ende Februar 1992 wurde die Tageszeitung „Volksblatt“ in eine Wochenzeitung umgewandelt, Satz und Montage   wurden einer Firma aus dem Springer-Umfeld übertragen, schließlich übernahm ein Berliner Druckerei-Konkurrent die neu angeschaffte Druckmaschine. Das Projekt Wochenzeitung wurde nach kurzer Zeit aufgegeben: Unter dem Titel  „Spandauer Volksblatt“ erscheint seit Juni 1992 ein Anzeigenblatt, wie es zuvor unter dem Titel „Spandauer Anzeiger“ bereits im selben Verlag herauskam.  Seit 1994 ist es die Spandauer Regionalausgabe der Anzeigenzeitung „Berliner Woche“.

Mehr zur Berliner Mediengeschichte auf www.fotos-aus.berlin 
Galerie: Berliner Zeitungstitel

Über Ulrich Horb

Jahrgang 1955, Journalist und Fotograf in Berlin
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