Wirklichkeitsbeschreiber: Der Künstler Otto Nagel (2)

Erinnerungstafeln an den Berliner Künstler Otto Nagel

Erinnerungstafeln an den Berliner Künstler Otto Nagel vom Künstlerkollektiv sara&ralf  (Sara Reichert und Ralf Klausnitzer) an der Reinickendorfer Str. 67

(zum Teil 1) Die exklusive Kunstwerkstatt von Heinersdorff entspricht  so gar nicht den Vorstellungen von Otto Nagel.  Er tat sich selbst leid, schreibt er später im Rückblick: „Meinen geliebten Wedding, die grauen Straßen mit den unzähligen Mietskasernen und den dazwischengeschobenen kleinen Häuschen verlassen! Nicht mit Menschen zusammen sein, die in Haltung und Bewegung waren wie ich selbst.“  Er lernt auch das unterschiedliche Bewusstsein der Arbeiter kennen: Hier die Glasmaler, die sich als Künstler verstehen, sich siezen  und mit langen Haaren, Sammetjackett und einer breiten Künstlerschleife auftreten, dort die bodenständigen Bleiverglaser, die sich duzen und keinen Standesdünkel haben.

Die Werkstatt gehört zu den besten und bekanntesten in Deutschland, Gottfried Heinersdorff  arbeitete eng mit dem Deutschen Werkbund und Künstlern  wie Henry van de Velde, Hans Poelzig, Lyonel Feininger, Heinrich Vogeler, oder Bruno Taut zusammen.

1910, mit 15 Jahren, bricht Otto Nagel die Lehre ab. Gründe dafür gibt es reichlich. Da sind zum einen die Arbeitsbedingungen:  In den Werkstätten von Heinersdorff werden die zu putzenden Mosaikplatten wegen des entstehenden Staubs in Kästen gesteckt. Allerdings muss auch der Lehrling während der Arbeit seinen Kopf in diese Kästen stecken. Die Tätigkeiten sind gesundheitsschädlich und, weil oft die gleichen Muster zusammengesetzt werden müssen, auch  eintönig. Berichtet wird aber auch von einer Ohrfeige des Glasermeisters Benz, die Otto Nagel wegen der Teilnahme an der Demonstration der Arbeiter zum 1. Mai erhielt. An der hatten sich auch die Mitarbeiter von Heinersdorff – mit Ausnahme der Glasmaler – beteiligt.

Und dann gibt es noch einen ganz einfachen materiellen Grund: Otto Nagel muss Geld verdienen. Als Lehrling bekommt er nur drei Mark im Monat. Das reicht nicht.

Nagel verdingt sich als Hilfsarbeiter.  Zwischen 1910 und 1917 ist er immer wieder in verschiedenen Firmen beschäftigt, er lernt die schwierigen Arbeitsbedingungen kennen.  Das 1908 in Kraft getretene Reichsvereinsgesetz verbietet die politische Betätigung Jugendlicher unter 18 Jahre, der sozialdemokratische Verband der arbeitenden Jugend Deutschlands muss deshalb in der Satzung jede politische Tätigkeit ausschließen.

In der Brunnenstraße 115 wird  1910 ein sozialdemokratisches Jugendheim eröffnet, drei Räume, in denen hundert Jugendliche Platz finden können, eine Bücherei mit Zeitschriften, Zeitungen und 300 Büchern steht zur Verfügung. Schachbretter sind hier aufgestellt, an den Wänden hängen Bilder.  1912 hält sich auch Otto Nagel hier auf. Er liest Dostojewski, leiht sich Bücher aus, die sich kritisch mit dem Alltag auseinandersetzen.  Wahrscheinlich liegen hier auch ältere sozialdemokratische Zeitschriften aus wie  „Das Narrenschiff“, für das auch der Berliner Zeichner und Maler Hans Baluschek Beiträge liefert. Anders als noch zur Schulzeit  stürzt Otto Nagel sich nun freiwillig   in die Lektüre, er besucht Abendschulen, studiert „mit wahrer Begeisterung“ politische Literatur und zeitkritische Publikationen, so zitiert Sibylle Schallenberg-Nagel ihren Vater. „Am Tage arbeitete ich, aber die halbe Nacht hindurch saß ich bei der Petroleumlampe in der Küche und las und las, und nie war es mir zuviel, auch wenn ich morgens unausgeschlafen zur Arbeit ging.“

1912 erlebt Otto Nagels Vater den bis dahin größten Erfolg seiner Sozialdemokratie: Bei der Reichstagswahl wird sie mit 34,8 Prozent der Stimmen stärkste Partei.

An der Städtischen Abendschule besucht Otto Nagel 1913 und 1914 einen Zeichenkurs, der allerdings weitgehend auf das Abzeichnen von Gipsfiguren beschränkt bleibt.

Blick in die Pharus-Säle

Blick in die Pharus-Säle auf alter Ansichtskarte. Foto: Sammlung U. Horb

Otto Nagel ist 19 Jahre, als der 1. Weltkrieg beginnt. Die auch in den sonst kritischen Berliner Künstlerkreisen verbreitete Kriegseuphorie erfasst ihn offenkundig nicht. Im Wedding überwiegt ohnehin die Skepsis. Am 28. Juli 1914, dem Tag der österreichisch-ungarischen Kriegserklärung an Serbien finden in den Pharus-Sälen, in den Germania-Sälen und im Kastanienwäldchen in der Badstr. 16 drei sozialdemokratische Veranstaltungen gegen den Krieg statt. Von den Pharus-Sälen nahe der Seestraße zieht eine Demonstration der Arbeiter die Müllerstraße hinunter in die Innenstadt.

Otto Nagels  Vater stirbt 1915 mit 70 Jahren, in den Berliner Adressbüchern der Jahre 1915 und 1916 ist Karl Nagel noch unter der Anschrift Schulstraße 102 eingetragen, im Jahr 1918 ist hier die Witwe E. Nagel vermerkt.

1916 wird Lotte, die Tochter Otto Nagels aus erster Ehe, geboren. Über die Mutter von Lotte ist wenig bekannt. Otto Nagels Tochter Sibylle Schallenberg-Nagel hat dazu ein paar Sätze aufgeschrieben, formuliert als Zwiesprache mit ihrem Vater Otto Nagel.1916 wird deine Tochter Lotte geboren. Zur gleichen Zeit wirst du kurzfristig zum Militär einberufen und als du nach einem halben Jahr nach Berlin zurückentlassen wirst, findest du dein Kind im eigenen Kot liegend vor und deine  Frau, die erste, sich mit Offizieren herumtreibend. Daraufhin nimmst du, der Proletarier Otto Nagel, eine Axt, schlägst die ganze Wohnungseinrichtung kurz und klein, schaffst die Lotte zur Mutter und zu deinem Bruder Paul.“ Lotte nimmt sich 1930 selbst das Leben. Sie scheitert, so Salka Schallenberg, die Enkeltochter Nagels, „an dem sie umgebenden Milieu“. Otto Nagel verarbeitet den Freitod  in Bildern.

1917 schließt sich Otto Nagel der USPD an, der linkssozialdemokratischen Abspaltung von der Mehrheitssozialdemokratie, in der sich die Gegner  der Kriegskredite zusammengeschlossen haben.  Sie ist im Wedding besonders stark, führende Sozialdemokraten wie der spätere Weddinger Bürgermeister Karl Leid gehören ihr an. Im Humboldthain kommen 1916 rund 4000 Teilnehmerinnen und Teilnehmer zu einer Friedenskundgebung zusammen, die von der Polizei aufgelöst wird. In den Weddinger Familien häufen sich die Nachrichten, dass Väter oder Söhne gefallen sind.

In Berlin beteiligt sich Nagel an verschiedenen Streikaktionen, 1917 erhält er erneut einen Gestellungsbefehl, der den Kriegsgegner  ins Straflager Köln-Wahn bringt. Als der Krieg endet, schließt er sich für kurze Zeit dem Kölner Soldatenrat an und kehrt dann in seine Heimatstadt  Berlin zurück.

Es ist eine Stadt, in der zahlreiche  namhafte Künstlerinnen und Künstler unterschiedlichster Stilrichtungen leben und arbeiten. Mit der Novembergruppe gründet  sich noch im Dezember 1918 eine Künstlergruppe, die die revolutionäre Aufbruchsstimmung in die Kunst übertragen will. Ihr gehören vor allem Künstlerinnen und Künstler an, die schon vor dem 1. Weltkrieg eine Rolle gespielt haben, später auch Otto Nagel. „Unsere fleckenlose Liebe“, so heißt es im Manifest der „Novembergruppe“, „gehört dem freien Deutschland, aus dem wir mutig und ohne Scheu mit allen zur Verfügung stehenden Kräften Rückstand und Reaktion bekämpfen wollen.“

Otto Nagel steht noch ganz am Anfang seines Schaffens,  erste größere Ölbilder und Aquarelle entstehen 1919.

(wird fortgesetzt)

Quellen:
Walli Nagel, Das darfst Du nicht, Wedding-Bücher, Neuauflage Berlin 2018
Otto Nagel,  Die weiße Taube oder das nasse Dreieck, Roman, Wedding-Bücher, Neuauflage Berlin 2017
Otto Nagel, Berliner Bilder, mit einem Vorwort von Walli Nagel, Henschelverlag Berlin (Ost), 1970
Erhard Frommhold, Otto Nagel – Zeit – Leben – Werk, Henschelverlag Berlin (Ost) 1974
Otto Nagel, 48 Bilder mit einem Text von Ludwig Justi Potsdam  1947Otto Nagel, Katalog zu den Ausstellungen Februar und April 1966, Ladengalerie Berlin-Charlottenburg
Sibylle Schallenberg-Nagel: Mein Vater Otto Nagel, in:  „Zaubertruhe“, Ein Almanach für junge Mädchen, Der Kinderbuchverlag Berlin (Ost), 1971
Gerhard Pommeranz-Liedtke, Otto Nagel und  Berlin, 228 S.,  Dresden 1964

Dank an Salka Schallenberg für ihre Informationen und Hinweise. Mehr auf KulturMD

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Über Ulrich Horb

Jahrgang 1955, Journalist und Fotograf in Berlin
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