Wirklichkeitsbeschreiber: Der Künstler Otto Nagel (9)

Badstraße: hier wurde 1944 das Atelier Otto Nagels zerstört. Foto: Ulrich Horb

Badstraße 65: hier wurde 1944 das Atelier Otto Nagels zerstört. Foto: Ulrich Horb

1943 kommt Walli und Otto Nagels Tochter Sibylle in der Lausitz auf die Welt. Dort hat die Familie Zuflucht gefunden. Walli Nagel bringt nach und nach etliche Pastelle und einige Ölbilder aus dem Berliner Atelier nach Forst in Sicherheit. 1944 zerstört ein Bombenangriff das Atelier in der Badstraße mit den verbliebenen Arbeiten Nagels. Auch in Forst entstehen noch einige Pastelle, doch, so Walli Nagel später, „entsprachen diese nicht seinem eigentlichen künstlerischen Wollen“.

Die letzten Kämpfe des 2. Weltkriegs in der Lausitz fordern noch Tausende Opfer. Otto und Walli Nagel müssen Forst 1945 fluchtartig verlassen. „Ich konnte nur meinen Mann, der damals sehr krank war, in den Kinderwagen zu meiner Tochter setzen, einen Koffer nehmen, dann fuhren wir los“, erinnert sich Walli Nagel. Ein Zug bringt sie nach Berlin, hier können und wollen Walli und Otto Nagel aber nicht bleiben.

Kriegsende in Rehbrücke

Das Kriegsende erleben Walli und Otto Nagel bei einem Freund in Bergholz-Rehbrücke nahe Potsdam, nur rund sieben Kilometer südlich des „roten Nowawes“ (heute ein Teil von Babelsberg), das ähnlich wie der „rote Wedding“ bis 1933 eine Hochburg von KPD und SPD war.

Am 24. April 1945 zieht die Rote Armee in Babelsberg ein. Für den Kommunisten Otto Nagel und seine Frau sind es Tage der Hoffnung auf den Beginn eines neuen, besseren Zeitalters. „Nichts hatten wir mehr, nur uns selbst, aber das schlimmste für Nagel war, dass er kein Radio hören konnte“, erinnert sich Walli Nagel. Den Apparat haben sie in Forst zurückgelassen. Walli will ihn holen. Aber dort angekommen, sieht sie die Ölbilder und Pastelle. „Ich packte, soviel ich konnte, in Rollen und brachte fünf Tage später fünfzig Pastelle und fünf Ölbilder nach Rehbrücke“, so Walli Nagel. Sie fährt danach noch ein paar Male nach Forst und bringt unter schwierigsten Bedingungen Bilder und schließlich auch den Radioapparat mit, mit dem sich Otto Nagel wieder über die aktuellen Entwicklungen informieren kann. „Und wenn heute Museen und Sammler hier und im Ausland Bilder von Otto Nagel besitzen und ausstellen können, dann denke ich oft, es hat sich doch gelohnt, damals etwas Mut aufgebracht zu haben“, so Walli Nagel später.

Sowjetische Freunde finden Otto Nagel in Rehbrücke. Er wird Mitbegründer der KPD-Ortsgruppe. „Überall Schutt und Trümmer, zerstörte Brücken und graugesichtige Menschen – Menschen, die sich anstrengten, Ordnung in das Chaos zu bringen“, so beschreibt er die Situation Anfang Juli 1945.

„Wir, die fortschrittlichen Künstler und Schriftsteller, Gefährten von einst, waren in aller Welt verstreut. Man wusste wenig voneinander – nun aber suchte man nach den alten Freunden, weil man einander doch so nötig brauchte“, erinnert sich Nagel später. Der aus dem Moskauer Exil zurückgekehrte Dichter Johannes R. Becher holt im Sommer antifaschistische Künstlerinnen und Künstler zusammen, am 3. Juli hält sein Wagen bei seinem Freund Otto Nagel in Rehbrücke. Gemeinsam fahren sie nach Werder, wo Becher den Schriftsteller Bernhard Kellermann sucht, u.a. Autor des auch ins russische übersetzten Science-Fiction-Romans „Der Tunnel“.

Gründung des Kulturbundes

Bernhard Kellermann und Otto Nagel 1950. Foto: Bundesarchiv, Bild 183-19204-2120 / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 de, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=5341439

Bernhard Kellermann und Otto Nagel 1950. Foto: Bundesarchiv, Bild 183-19204-2120 / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 de, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=5341439

Noch im Juli 1945 gründet Becher mit Kellermann und anderen den „Kulturbund zur demokratischen Erneuerung Deutschlands“. In Otto Nagels Wohnung in Rehbrücke wird am 10. Juli der Kulturbund im Land Brandenburg ins Leben gerufen. Pläne für einen Kulturbund waren bereits im Moskauer Exil entworfen worden. Nach einem Kurswechsel der KPD, die Ende der zwanziger Jahre in der SPD noch ihren Hauptgegner gesehen hatte, sollten nun Bündnisse geschmiedet werden. So trat der Kulturbund zunächst parteiunabhängig auf und wollte auch bürgerliche Künstlerinnen und Künstler ansprechen. Sie alle sollten einen Beitrag zum demokratischen Aufbau der Gesellschaft und zur Abkehr vom Faschismus leisten. „Die besten Deutschen aller Berufe und Schichten gilt es in dieser schweren Notzeit deutscher Geschichte zu sammeln, um eine deutsche Erneuerungsbewegung zu schaffen, die auf allen Lebens- und Wissensgebieten die Überreste des Faschismus und der Reaktion zu vernichten gewillt ist und dadurch auch auf geistig-kulturellem Gebiet ein neues, sauberes, anständiges Leben aufbaut“, heißt es im Gründungsaufruf. Johannes R. Becher wird bei der Wahl Anfang August erster Präsident.

Anfang 1946 wird in der sowjetischen Besatzungszone der Zusammenschluss von KPD und SPD vollzogen, die SPD bleibt nur in Berlin nach einer Urabstimmung weiter bestehen. Es ist ein erstes Signal für den wachsenden politischen Druck. Otto Nagel ist nun Mitglied in der neuen SED.

Im Potsdamer Haus des Kulturbundes wird 1946 erstmals wieder eine Ausstellung Otto Nagels gezeigt. Zu sehen sind Bilder, die zwischen 1933 und 1945 entstanden sind. Nagels  Motive in dieser Zeit:  der Spreewald, die Fischer auf Rügen und – in den Jahren von 1939 bis 1945 – das alte Berliner Stadtzentrum mit seinen verwinkelten Gassen, der Friedrichsgracht, dem Mühlendamm, dem Jüdenhof, der Köllnischen Straße, der Petristraße, die er in zahlreichen Werken, meist  Pastellen, vor ihrer Zerstörung im 2. Weltkrieg festgehalten hat.  In diesen Darstellungen, so Walli Nagel, sei auch die oft besungene Berliner Luft eingefangen. Viele dieser Bilder aus Alt-Berlin haben ihre eigene Geschichte. Für das Friedrichsgracht-Panorama mietete sich Nagel eigens auf dem Trockenboden eines gegenüberliegenden Hauses ein. Und als er seine Staffelei am Jüdenhof aufbaute, zerstören Bomben in der folgenden Nacht den linken Flügel, den er gerade gemalt hatte.

(wird fortgesetzt)

Quellen:
Otto Nagel, Berliner Bilder, mit einem Vorwort von Walli Nagel, Henschelverlag Berlin (Ost), 1970
Erhard Frommhold, Otto Nagel – Zeit – Leben – Werk, Henschelverlag Berlin (Ost) 1974
Otto Nagel, 48 Bilder mit einem Text von Ludwig Justi Potsdam  1947
Walli Nagel, Das darfst Du nicht, Wedding-Bücher, Berlin 2018
Otto Nagel,  Die weiße Taube oder das nasse Dreieck, Roman, Wedding-Bücher, Berlin 2017
Otto Nagel, Katalog zu den Ausstellungen Februar und April 1966, Ladengalerie Berlin-Charlottenburg
Sibylle Schallenberg-Nagel: Mein Vater Otto Nagel, in:  „Zaubertruhe“, Ein Almanach für junge Mädchen, Der Kinderbuchverlag Berlin (Ost), 1971
Gerhard Pommeranz-Liedtke, Otto Nagel und  Berlin, 228 S.,  Dresden 1964

alle Folgen der Reihe zu Otto Nagel

Dank an Salka Schallenberg für ihre Informationen und Hinweise. Mehr auf KulturMD

Über Ulrich Horb

Jahrgang 1955, Journalist und Fotograf in Berlin
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